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  • www.innenseiten.de - "An Exit Letter"

    31. Dez. 2009, 17:44

    "An Exit Letter"*

    Vor genau 10 Jahren dachten alle, die Welt werde untergehen. Oder besser gesagt: Alles, was von Computern gesteuert wird, einen Computer beinhaltet oder auch nur irgendetwas mit Computern zu tun hat, werde zumindest auf unbestimmte Zeit den Dienst versagen. Weil die Computer nicht damit klar kommen würden, dass auf die 99 (oder binär ausgedrückt: auf die 1100011) die 00 folgen würde. In den USA trieb die Angst vor den unberechenbaren Nullen die Menschen dazu, Wasser und Nahrungsmittel in übergroßen Vorratspackungen zu kaufen... wobei sie das ja sonst auch machen. In Deutschland hingegen blieb man gelassen; "Y2K" blieb hierzulande ein Fremdwort oder wurde jedenfalls nicht viel bekannter als R2-D2.

    Im darauffolgenden Jahrzehnt gab es immer wieder mal Anlass zur Endzeitstimmung, aber auch zur Euphorie - ein kontrastreiches Jahrzehnt. Aber auch ein Jahrzehnt, dem es an Selbstreflexion noch zu mangeln scheint. Immerhin hat dieses Jahrzehnt noch keinen Namen. Wir nehmen alles, wie es kommt, kategorisieren können wir ja später noch.

    Es war aber auch ein Jahrzehnt neuer Medien- und Kommunikationsformen. Das Internet und das Handy kamen in der Gesellschaft an. Google, Napster, Wikipedia, Blogs, das Jamba-Spar-Abo, Myspace, Facebook und Twitter gehören in dieses Jahrzehnt. Die Internetkultur hat zwei ganze Generationen durchlebt, denn seit ein paar Jahren reden alle von Web 2.0. Das Internet, so die Idee, ist um die Mitte des Jahrzehnts demokratisch(er) geworden. Zu einem Ort, an dem jeder alles verändern kann. Gleichzeitig wächst die Zahl derer, die Wikipedia als Quelle für eine wissenschaftliche Hausarbeit benutzen. Irgendwie angstmachend.

    Doch nun zu meinem Thema. Für mich war es auch das Jahrzehnt der Volljährigkeit, des Studiums und unseres kleinen "christlichen Internetportals für schwarze Kunst", das ab 2001 unter gotik.tk und ab 2002 unter www.innenseiten.de zu finden war. Heute fühlt es sich seltsam an zu sagen "Ich war dabei". Aber ich war dabei, bei den ersten Treffen in meiner neuen Wahlheimat Gießen, in denen es um die Idee eines Internetportals für die Berührungspunkte zwischen "" und "" ging. Die vier Namen, die auf der Seite noch immer in der Rubrik "Dahinter" zu finden sind - patryck, Daniel, Vlad, iVerdeM - sind stille Zeugen dieser Gießen-basierten Anfangszeit. Es gab Teeabende, ein "schwarzes Hauspolygon" (=Hauskreis), Pizzaabende, eine Band, Schinkenabende, zeitweise gab es sogar eine "Gießen Conspiracy"-WG... und irgendwie als Nebenprodukt auch eine Internetseite. Nur letztere hat sich über die Jahre gehalten.

    Ursprünglich als Plattform/Portal für christlich inspirierte Künstler/Musiker aus dem Bereich der "schwarzen Szene" gedacht, auf der deren kreative Arbeit in Form von Auszügen, Rezensionen, Interviews und Linksammlungen vorgestelt wurde (das heißt heute wohl "Web 1.0"), entpuppte sich bald das Forum als Mittelpunkt der Aktivität. Die Innenseiten wurden langsam zu einer Community im ganzen deutschsprachigen Raum.

    Man tauschte sich aus, und zwar nicht hauptsächlich - wie ursprünglich gedacht - über christliche Musik, sondern über... alles. Musik, Kunst und Kultur allgemein bildeten nur einen kleinen Teil des Forums, dessen weitere Kategorien bald Titel trugen wie "Leben als Christ versus Schwarzsein", "Schwarzer Humor", "Das Buch der Bücher", "Smalltalk", etc. Es wurde nicht nur rege über den Glauben, Lebensfragen, die aktuelle Politik, etc. diskutiert; es wurden Erfahrungen ausgetauscht, über persönliche Krisen gesprochen, Freundschaften geschlossen (es haben sich, soweit ich weiß, auch Paare gefunden**), Treffen organisiert, usw. Besonders in Erinnerung sind mir noch das Sylvestertreffen vor genau 6 Jahren sowie diverse kleine Treffen am Rande des alljährlichen Freakstocks - das "schwarze Zelt" scheint ja mittlerweile zur festen Freakstock-Tradition geworden zu sein.

    Zwischendurch stellten die User ihre eigenen Fotografien, Gedichte, Träume und Visionen ins Forum, posteten Links zu "lustigen Fundstücken" oder vertrieben sich die Zeit mit sinnfreien Assoziationsketten. Es gab nun Forenmoderatoren aus ganz Deutschland sowie aus der Schweiz, und Mysticangel nähte ein schwarzrotes Innenseiten-Banner! Die Innenseiten waren nun längst nicht mehr nur "unser" Kind.

    Es wurde sogar von einzelnen Mitgliedern immer wieder Geld gespendet, um das Forum werbefrei zu halten. (An dieser Stelle noch mal herzlichen Dank dafür, ihr wisst wer ihr seid, ich weiß es nicht mehr so genau.) Allein die Tatsache, dass unsere regelmäßigen Aprilscherze ("Es gibt die Innenseiten nicht mehr!") von einigen nicht sehr positiv aufgenommen wurden, zeigt, dass es immer Leute gab, denen das Forum bzw. die damit verbundene Community sehr am Herzen lag. Auch das Gästebuch trägt der Tatsache Rechnung, dass es wohl viele gab, die froh waren, die Innenseiten gefunden zu haben.

    Das Konzept der Seite war sehr "Web 1.0"-basiert und die Innenseiten schon von daher nichts für die Ewigkeit. Dies wurde spätestens klar, als ich überlegte, ob Myspace-Band-Seiten auch unter unsere Links eingereiht werden sollten oder nicht. Das Forum war der einzige Teil der Seite, der länger den Veränderungen der Online-Welt standhielt. Leider wurde es dann aber auch im Forum auch zunehmend stiller, was wohl u.a. der Tatsache zu verdanken ist, dass der Anbieter RapidForum ankündigte, Anfang 2009 seinen Dienst einzustellen (was dann auch geschah). Eine Angabe von weiteren Gründen (aus meiner Sicht) liest sich in etwa wie die Standardantwort auf die Frage, warum eine Band sich aufgelöst hat: Wir sind erwachsener geworden, haben uns irgendwie weiter- und auseinanderentwickelt, haben Familien gegründet, "Horst ist jetzt Landschaftsgärtner geworden", usw.

    Ich möchte hier nicht primär über alte Zeiten sinnieren... und doch überkommt mich eine leichte Melancholie, wenn ich über die vergangenen zehn Jahre nachdenke. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, Erinnerungen an diese Zeit zu verbalisieren - bereits die nächste Generation wird nämlich mit der Vorstellung dieser Art von "Web 1.0"-Community nicht mehr viel anfangen können. ("Als ich so alt war wie du, mein Sohn, da hatte ich so ein Forum..." - "?!?") Irgendwie war noch mehr Verbindlichkeit da, und über eine PM oder einen neuen Beitrag zu bestimmten Threads freute man sich fast so sehr wie über einen Brief im Briefkasten. Geht es nur mir so, oder wirken die Twitter- und Facebook-Updates, über die wir heute primär unsere Netzkontakte pflegen, allgemein vergleichsweise belanglos?
    Jedenfalls: Unser Forum war etwas besonderes, daran gibt es keinen Zweifel. Mit iVerdeM hatten wir einen äußerst fähigen Admin/Webdesigner, Vlad/Energeimata/Katzenfreund sorgte mit seinen provokanten "100 Zeilen Hass" immer mal für Aufruhr (fungierte eine Zeit lang im Forum aber auch hin und wieder als Seelsorger), das Rezensieren/Neuigkeiten aus der Szene posten/Interviews führen etc. hat Spaß gemacht, "Ali" sorgte mit ungewollten Gästebucheinträgen immer wieder für Freude (hach ja! der Ali...), und auch im internen Forum gab es für die Mods immer etwas - wenn auch nicht immer nur erfreuliches - zu diskutieren.

    Doch in jedem Tod steckt bekanntlich auch ein Neuanfang. Unter der Leitung von Firelord und Invader/Zeitenwanderer gibt es seit Mitte 2009 ein neues Forum unter dem Namen Innenseiten² - momentan hier zu finden: http://innens.in.funpic.de/php-files/news.php. Dort soll die Idee "in ehrwürdiger Weise weitergeführt" werden. 2009 ist also ein Jahr des Umbruchs gewesen. Und wieder kann ich sagen: Ich war dabei. Doch diesmal als Zuschauer am Rande. Beim Freakstock 2009, das passenderweise an einem neuen Ort stattfand, gab es Auftritte von den Irrsternen und Ebenbild, und auch wieder ein schwarzes Zelt am Rande des Zeltplatzes. Darin ein paar übliche Verdächtige und viele neue Gesichter. Hoffnung. Zukunft. Pistazien. Ein wenig zu prosaisch und doch symbolisch übergebe ich hier das schwarzrote Innenseiten-Banner an Blacksmith. Eine Ära geht zuende. Eine Ära beginnt?

    Als wollte meine externe Festplatte (auf der sich u.a. alle meine mühsam eingelesenen, betitelten und geordneten MP3s befinden) auch mir die Chance zu einem Neuanfang bieten, versagt sie mir pünktlich zum Dezember 2009 ihren Dienst. Tot. Worst case scenario. Ich komme nicht mehr an meine Daten ran. (Vielleicht zahlt es sich jetzt aus, dass ich bislang dem CD-Kaufen treu geblieben bin...) Schade um die Daten. Und doch auch hier: Ein Neuanfang.

    Es bleibt dem neuen Innenseitenteam alles Gute für die Zukunft zu wünschen. Möge auch die neue Seite ungeahnte Formen annehmen (nicht unbedingt nur die alten Formen kopieren) und den Usern etwas bedeuten.
    Ich bin mir ziemlich sicher, dass es "uns" auch weiterhin, auch jetzt in der Emo-Welle, in irgendeiner Form geben wird. (Natürlich hinterlässt nicht jede dieser Formen auch Spuren in der digitalen Welt...) Mit den "Innenseiten 1.0" ist es nun also zuende gegangen. Wie es weitergeht, liegt an uns. Ich bin gespannt. Wie Faun es in einem ihrer Lieder ausdrücken: "Alles, was bleibt, ist eine Flucht nach Vorn..."

    Also: Aufs Neue!

    Patrick Maiwald, 31.12.2009

    *So lautet der Titel, den Mark Salomon fast seinem Buch "Simplicity" gegeben hätte. In dem Buch geht es um seine Erfahrungen mit den Bands The Crucified und Stavesacre und seinen Bruch mit der christlichen Musikindustrie. Vielleicht erschien ihm der Titel dann aber doch zu dramatisch, ich weiß es nicht. Hier finde ich den gestohlenen Titel passend. Für einen Punk gehört es sich nicht, allzu melodramatisch zu sein. Für einen Grufti schon.

    **Eine interessante Forschungsfrage: Gab es Innenseiten-Kinder?
  • Waiting for Steve, X 2009.

    13. Okt. 2009, 10:44

    Fri 2 Oct – Konzert zum Gemeindejubiläum

    So I went to an atmospheric, informal, almost mystical concert by Waiting For Steve last night.
    About an hour before the concert was set to begin (I think), I called Thomas to ask where and when exactly they were playing, since any official information on this was a bit hard to attain. He said he himself didn't know yet (Seriously! - Musicians, I guess...).

    Then he called me back, and directed my wife and me to the small old church in a small old German town called Naunheim. It was after dark, and in a small old German town that means that the town is dead. Luckily the church was at the exact center of the town (did I write "luckily"? it's always like that in small old German towns), so it was not hard to find.

    The place was not exactly crowded, there were some young teenagers and some people who might have been their parents (apparently the little advertisement that the event had received was to the church congregation, as a "youth event" - I couldn't help thinking that the band's true target audience was strangely absent), some warm welcomes were exchanged, and the band began with their live soundcheck.

    Then they played for well over an hour, delivering a set of guitar-driven emotional rock music, under the worn medieval paintings in this reverberating sacred place which seemed untouched by just another (albeit loud) rolling wave of the ocean of time. Despite the untameable acoustics of the place and the lack of audience, the band never gave the impression that they were missing anything, but powered their way through their intense songs. In between Thomas spoke about the transience of life, and Timm talked about how he had hurt his finger playing the drums, but that he gladly took this risk since it was his passion, and how it had reminded him of Jesus suffering on the cross, who had willingly done so because it was HIS Passion. The way in which he began his mini-sermon ("well, we were asked to say something... which we generally don't do...") reminded me of Mark Salomon's Simplicity, which deals with the dilemma that Christian bands who are not "preachy" often face at such occasions. But the guys definitely managed to keep it authentic.

    Now that I am back home, left with the impression that Christian rock is still very alive, even if at times it's only at very small gatherings of young people in a small town church in the dead of night, I am reminded that the secrets of life are most often come upon where you would least expect them.

    We will not forget the meaning of these days...