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  • Musikkultur im Jetzt und Hier

    11. Mai. 2011, 21:12

    20000


    Lassen Sie mich diese Zahl einem kleinen Vergleich unterziehen. Ein Mensch eines Alters von 55 Jahren hat Zeit seines Lebens diese stattliche Anzahl von 20000 Tagen durchlebt. Wenn dieser Mensch dann trotz seines Alters noch in der Lage ist, akustische Signale der Frequenz 20000 Hertz wahrzunehmen, dann sei er umso mehr seines sensiblen Gehöres wegen beneidet. Als wahren Helden jedoch möchte manch einer diesen Menschen abschließend bezeichnen, wenn dieser Jemand ein last.fm-Profil besäße, das möglichst keine 20000 gehörten Titel aufzeigen möge.

    Es ist leider so, dass das Unterhaltungsmedium "Musik" im Wandel der Rechentechnik und der Einstellung der Gesellschaft zu den Medien sowohl zu einem Verfallsgut als auch zu einem Massengut geworden ist wie einst das Internet. Die Musik wird demnach hinten angestellt und auf den Grad der Zweitklassigkeit herabgestuft. Diesen Eindruck kann man leicht gewinnen, wenn man sich im Internet nur annähernd gezielt umschaut, wobei für das Internet als Medium im Grunde ähnliche Aussagen nicht im Geringsten abwegig sind. So beginnt die Freveltat spätestens auf dem Weg zur Schule, da man aus diversen Gründen, angeführt sei hier nur die gefühlte Verkürzung der Zeit, keine Möglichkeit hat, auf Musik zu verzichten. Viel lieber lässt man sich von den Gefahren des Straßenverkehres ablenken um mit dem aktuellen Lied des großen Idols die Sorgen und Nöte des anbrechenden Tages noch ein wenig zu verdrängen. Den weiteren Vormittag ausblendend geht es weiter mit den Schandtaten des Nachmittags, da neben der Lernbereitschaft oder der Digitalkommunikation mit den Freunden natürlich die rechte Hintergrundmusik nicht fehlen darf.

    Prinzipiell ist man da froh, wenn der wahre Wert von Musik noch zu schätzen gewusst wird. Dieses Gefühl, einen Teil Kunst, wenn nicht gar Kultur, zu genießen, wird daher auf die aneinander gereihte Wiedergabe digitaler Koeffizienten reduziert, gelegentlich ohne überhaupt ein von Künstlern geschaffenes musikalisches Medium im Schrank stehen zu haben. Hat denn die Fähigkeit, einem erfolgreichen künstlerischen Schaffensprozess Anerkennung entgegenzubringen, wirklich so stark gelitten in einer Welt, die zwar immer hektischer und unaufgeräumter wird, aber andererseits auch mit Attributen wie "tolerant", "entgegenkommend" und ähnlicher Heuchelei gelobt werden möchte? Da klopft man auf Holz, dass die Liebhaber der Tonträger so vernünftig geblieben sind und nicht die Tonträger dem Geschäft entwenden

    Vielleicht sollten wir uns also gelegentlich ein wenig Zeit nehmen, die Medien, die uns heutzutage zur Verfügung stehen, angemessen zu beachten und gerade bei der Musik nicht außer Acht lassen, wie sehr ein einzelner menschlicher Sinn uns neben der Regeneration der eigenen Ressourcen und der Ausblendung des Alltagsstresses auch Freude bereiten kann. Sowohl andere Musiker und rechtschaffene Nutzer audiotechnischer Medien als auch Musiknutzer, die weiterer Erwähnung nicht wert sind, sollten sich daher überlegen, dass eine Statistik zwanzig- oder gar einhunderttausend gespielter Titel nicht zwingend als lobenswert erscheint.