Biographie

1994 wurde das Tied & Tickled Trio von Markus Acher und Casper Brandner in Weilheim damals noch als reines Schlagzeug-Duo gegründet. Anlässlich einer Austellung des Bildhauers (und später dann auch umtriebigen Musikers) Andreas Gerth gesellte sich eben dieser mit einigem elektronischen Equipment sowie Markus’ Bruder Micha am Bass hinzu. Alles, was das Tied & Tickled Trio später ausmachen sollte, war in diesem Nukleus bereits angelegt: Es ging um Rhythmus, Dynamik, Improvisation, um das Auf- und Abbauen von Intensitäten.
Auch wenn diese Eigenschaften durch die Bank weg kennzeichnende Merkmale des Jazz sind, hatte das Ur-Trio noch herzlich wenig mit solcher Jazz-thetik zu tun. Es bedurfte noch ein wenig, bis die eigene und eben auch die kollektive Zeit
reif genug war, das Indieversum von The Notwist und Co. offenen Ohres und forschenden Schrittes hinter sich zu lassen, und tatsächlich zu einem Jazz aufzubrechen, der ein ganz anderer war, als nur Retro-Erlebnis oder Fusion- Viruosität. Geholfen hat dabei mit Sicherheit der Kontakt zu Johannes Enders, einem ebenfalls aus Weilheim stammenden Jazz-Saxofonist mit Konservatoriumshintergrund. Außerdem und wirklich nur nebenbei waren die Acher-Brüder ja schon längst in der Dixie-Band ihres Vaters tätig, Common-Jazz so zusagen.
Micha Acher studierte zwischenzeitlich Jazz-Trompete, biss sich allerdings an verknöcherten Dogmen und Strukturen des bildungsbürgerlichen Konservatoriums die Zähne aus und beendete diese klassische Ausbildung vorzeitig.

Wohl ein weiterer Verweis auf den Umgang mit den Traditionen und den archivierten Klängen, wie er so typisch für das Tied & Tickled Trio ist: Musik, und Jazz im besonderen, als Melting Pot und keine heilige Hallen.
In der Zwischenzeit waren Ulrich Wangenheim und weitere, häufig wechselnde Gastmusiker zum T+TT hinzugekommen. In dieser Besetzung nahmen sie 1996 ihr schlicht „Tied & Tickled Trio“ betiteltes Debütalbum für Payola auf (2006 in einer neu gemischten Version auf Morr wiederveröffentlicht). Der Versuch der Presse, dem unabstreitbar neuen Sound des Tied & Tickled Trios beizukommen,
führte zu einem Geflecht von in alle Richtungen verweisenden Vergleichen.
Plötzlich sah sich das Sextett in Zusammenhänge gestellt, die von der Postrock- Szene Chicagos, über Adrian Sherwoods On-U Sound bis hin zu Miles Davis, John Coltrane oder Herbie Hancock reichte. Mit Sicherheit sehr schmeichelhaft und
zutreffend, aber auch nicht unproblematisch, wenn man bedenkt, dass es den Musikern in erster Linie um einen spontanen, intuitiv geleiteten Ansatz frei von Dogmen ging, der emotional an die DIY-Tradition des Punk und Hardcore gebunden war. In der Rückschau beurteilt das Tied & Tickled Trio sein Debütalbum als „sehr drauf los“, weil man noch versuchte, das Geflecht ihrer Einflüsse ziemlich umfassend zu kombinieren.
Es wurde improvisiert, im Studio Tonspur um Tonspur zusammengetragen und mit Zufällen kokettiert. Für ihren Zweitling „EA1 EA2“ (1999, ebenfalls auf Payola, 2006 in einer neu gemischten Version auf Morr wiederveröffentlicht) unternahm die Band dann den Versuch, sich und ihren Klang stärker zu kontrollieren, ein Abwarten und Auslassen ersetzte in vielen Momenten das Stürmen und Drängen des Vorgängers. Das Rauhe und Ungestüme des Debüts wich einer Kühle, die Kritiker zum Anlass nahmen, das Tied & Tickled Trio in dieser Phase mit dem Cool Jazz eines Miles Davis zu vergleichen.
Nachdem im Jahr 2000 Remixe des „EA1 EA2“-Albums auf Morr Music erschienen – u.a. mit Bearbeitungen von Opiate, Thomas Brinkmann und Console – legte das Tied & Tickled Trio 2001 „Electric Avenue Tapes“ (Clearspot) vor. Dabei handelt es sich um eine Live-Mitschnitt aus dem Hamburger Westwerk, der von Tobias Levin abgemischt wurde. Dieser Schritt war nur logisch, unterscheidet sich die Arbeit der Band im Studio doch maßgeblich von der auf der Bühne. Hier stehen Unmittelbarkeit, Improvisation und Intensität so weit im Vordergrund, dass kein T+TT-Konzert dem anderen gleicht.
Die positiven Erfahrungen mit und durch „Electric Avenue Tapes“ hatten die Band dazu veranlasst, für ihr im September 2003 auf Morr Music erscheinendes Album „Observing Systems“ auch im Studio wieder vermehrt auf die Live-Aspekte ihres Schaffens und mithin die große intuitive Tradition des Jazz zu setzen. Mittlerweile war das Tied & Tickled Trio zu einem zwölfköpfigen Kollektiv herangewachsen, das weite Teile seiner vierten LP live im Studio eingespielt hat. Zwischen den Koordinaten Sun Ra, J. Coltrane („Africa Brass“), Herbie Hancock („Sextant“), African Headcharge und Pharoah Sanders hat sich auf diesem Album die von vielen HipHop-Produktionen bekannte Collagenhaftigkeit als ein bestimmendes Stilelement erwiesen. Auf der Bühne gibt es das Tied & Tickled Trio seitdem in unterschiedlichen Versionen: mal liegt der Fokus auf den elektronischen Aspekten der Band. Zum anderen ist da ein zwölfköpfiges Ensemble, das die große Dame Jazz durch alle digitalen und analogen Mühlen dreht.

Die intuitive Kraft jenes fast orchesterhaften Bandoutfits dokumentiert der Konzertfilm „Observing Systems“, den Morr Music im Frühsommer 2006 als DVD veröffentlicht hat. In verschiedenen Kameraperspektiven, vor allem aber in
verschiedenen Dokumentationstechnologien (von Super 8 bis Digital Video), zeichnet der Film Bilder eines Konzertes des Tied & Tickled Trios und formuliert in seiner Bricolage-Ästhetik noch einmal das Credo einer Band, deren Verständnis
von (Jazz-)Musik in der Collage und der Kollision von Tönen und Traditionen liegt.
Längst bedient sich das Tied & Tickled Trio aus einem Orbit voller Möglichkeiten.
Eine Band, die nichts mehr beweisen muss, beweist sich immer wieder aufs Neue. Ganz aktuell mit einem neuerlichen Spiel mit den Zeichen und Traditionen.
Diesmal weg vom Jazz und hin zu einem minimalistischen Retrofuturismus.
Vielleicht ist „Aelita“ das bisher melancholischste Album, entstanden in gerade dreimal drei Tagen. Diesmal Bass, zwei Schlagzeuge, Xylophon, Pianos,
Elektronika. Im Frühherbst 2007 auch auf Konzertreise.

www.morrmusic.com

Bearbeitet von Colinette am 24. Jul. 2007, 10:13

Alle von Benutzern bereitgestellten Inhalte auf dieser Seite stehen unter der Creative Commons Attribution/Share-Alike-Lizenz.
Texte können zudem unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation stehen.

Wikifakten

Aus Fakten generiert, die in der Wiki markiert wurden.

Keine Fakten zu diesem Künstler.

Du betrachtest Version 4. Schau dir ältere Versionen an, oder diskutiere über diese Wiki.

Du kannst dir auch eine Liste mit allen kürzlichen Wiki-Änderungen ansehen.

Weitere Informationen

Von anderen Quellen.

Links
Bandmitglieder:
Labels