«Music for 18 Musicians» heisst das Werk nüchtern, geschrieben zwischen 1974 und 1976 von Steve Reich, welturaufgeführt am 26. April 1976 in der Town Hall, New York, erstveröffentlicht zwei Jahre später auf dem Münchner Label ECM.

Es beginnt mit dem Puls und endet auch damit. Dazwischen liegen – über, unter, neben dem Puls, der nie aussetzt – sechsundfünfzigeinhalb Minuten musikalischer Ausnahmezustand. Das ist etwas vom Schönsten, Kraftvollsten, Erratischsten, was in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts komponiert wurde. «

Es wirken mit: Cello (1), Violine (1), Klarinette (2), Flügel (4), Marimba (3), Xylofon (2), Metallofon (1), Stimme (4). Es gibt: keine Pausen, keine Soli, keine Abschweifungen. Es gibt nur einen konstanten, bruchlosen Flow, der organisch an- und abschwillt, sich stetig neu strukturiert und doch immer bei sich selbst bleibt. Als «Music for 18 Musicians» vor rund dreissig Jahren entstand, gehörte der US-Amerikaner Steve Reich, geboren 1936, bereits zur In-Group des musikalischen Minimalismus (nach La Monte Young und Terry Riley sowie neben Philip Glass), jenes auch in der bildenden Kunst verbreiteten Ansatzes, der werkimmanente Dynamik nicht über eine Fülle von Motiven definierte, sondern über deren Gegenteil: mikroskopisch variierte Repetition. Subtilität in progress sozusagen.

Diese Trommelschläge, jeder einzelne wie eine Symphonie, in der stillgelegten Heizkraftwerkhalle mit ihren 20 Meter hohen Wänden aus Beton, die selbst den Klang eines Staubkorns ins Unermessliche ausdehnen würden. Später dann noch mehr Trommelschläge, die sich polyrhythmisch überlagern und in einem diffusen Klangrausch münden, bis nichts mehr Sinn ergibt, nein, bis eigentlich alles Sinn ergibt. Es ist diese psychoakustische Verwirrung zwischen Hypnose und Musikanalyse, die die Musik des US-amerikanischen Komponisten Steve Reich so faszinierend macht. Das von vier Schlagzeugern performte „Drumming“, bei dem die Musiker zunächst unisono eine rhythmische Abfolge spielen, bevor sie ihre Schläge immer mehr gegeneinander verschieben, ist das erste von zwei Stücken des Eröffnungskonzerts des Berlin Atonal Festivals. Komponiert wurde das Meisterwerk der Minimal Music zu einer Zeit, in der die Phasenverschiebungen, ein zentraler Bestandteil des Stücks, noch nicht elektronisch erzeugt werden konnten. Umso interessanter, dass das Festival neben diesem Klassiker der Minimal Music vor allem Künstler aus dem Bereich experimenteller elektronischer Musik, Techno und Bassmusic vereint.

„Drumming“ ist nur das Intro. Hier wird die Virtuosität Reichs am deutlichsten. Dies besteht vor allem darin, Komplexität und Komplexitätsreduktion gleichzeitig zu erzeugen. Die Hörer werden zum selektiven Hören herausgefordert, ständig zwischen erhöhter Konzentration und Trance changierend, immer der nächsten subtilen Tonveränderung hinterherjagend. Vibraphone, die minutenlang ein kurzes melodisches Motiv wiederholen, Violinen, die es aufgreifen, ergänzen und anschließend an die beiden Klaviere zurückbeamen, bis das ursprüngliche Motiv nur noch eine abstrakte Erinnerung ist, bevor die Vibraphone es wieder adaptieren. Musik, die ein- und ausatmet, wie ein lebendiger Organismus, der weiß, dass ihn nur wiederholte Atemzüge am Leben erhalten können.

Dass das Festival mit einem der Pioniere der Minimal Music beginnt, entspricht der Logik von Berlin Atonal, das 2013 unter der Leitung Dimitri Hegemanns reaktiviert wurde, nachdem es von 1982 bis 1990 zu einem der wichtigsten Festivals Berlins avancierte. Schon damals baute das Line-up, das die Einstürzenden Neubauten mit dem Techno-Künstler Jeff Mills zusammenbrachte, eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart, aber auch zwischen Clubkultur, Pop und Kunst. Auch heute, im Zeitalter der längst überwundenen Postmoderne, lohnt es, sich die musikalischen Parallelen zwischen Steve Reich und aktueller Clubmusik zu vergegenwärtigen. Immerhin war er zusammen mit seinen Gefährten Terry Riley und Philip Glass zu Beginn der 60er-Jahre einer der ersten, die Repetition und minimalistische Kompositionsverfahren für die Orchestermusik etablierten – und damit den Weg für Krautrock und den Prototechno von Kraftwerk ebneten.

Miminal Music wurde Ende der 60er neben ein paar Kennern höchstens von vereinzelten Hippies auf der Suche nach der musikalischen Erleuchtung gehört. Wie dieser Abend zeigt, wird sie heute vor allem von Clubmusikanhängern geschätzt, die in einer Welt aufgewachsen sind, in der die Repetition von Tönen und rhythmischen Mustern längst Normalität ist. „I had a religious experience, man“, erzählt mir ein Dubstep-DJ nach dem Konzert. So wie ihm ging es vermutlich vielen. Und so gelingt es Berlin Atonal, aus den vielen losen Verbindungen einen Bedeutungsteppich zu knüpfen, der die Musik vom Bristoler Bassmusic-Kollektiv Young Echo, den traumwandlerischen Ambient von Biosphere, den rauen Industrial von Cabaret Voltaire und den zähflüssigen Techno von Sigha zusammenhält.

Steve Reich präsentiert mit seiner Band eine grandiose Feier magischer Rhythmen, strenger Reihung und jazziger Akzente, die ihresgleichen sucht. «Music for 18 Musicians», schrieb ein Kritiker, ist ein Trip ohne Drogen. Der Trip dauert knapp eine Stunde, doch im Lauf dieser Stunde verliert man jedes Zeitgefühl. Die Musik kreist permanent um sich selbst und bewegt sich dabei unablässig weiter. In ihrem repetitiven Gestus spielt sie sich von der Gravitationskraft frei, und in ihrer zirkulären Melodiosität transzendiert sie jeden Kitschverdacht. Der Anfang ist das Ende, und am Ende fängt alles wieder an. Eine Offenbarung.

Steve Reich: Music for 18 Musicians.
ECM 1129 © 2014 Nonesuch Records

Music for 18 Musicians Titelliste

1. Pulses (4:19)
2. Section I (4:18)
3. Section II (5:01)
4. Section IIIA (3:31)
5. Section IIIB (4:00)
6. Section IV (4:27)
7. Section V (5:51)
8. Section VI (4:19)
9. Section VII (4:08)
10. Section VIII (4:07)
11. Section IX (4:43)
12. Section X (1:12)
13. Section XI (4:21)
14. Pulses (3:47)

Personalaufwand

Musiker:
Steve Reich, marimba, piano
Rebecca Armstrong, Marion Beckenstein, Cheryl Bensman Rowe, sopranos
Jay Clayton, alto, piano
Russell Hartenberger, Bob Becker, Tim Ferchen marimbas, xylophones
James Preiss, vibraphones, piano
Garry Kvistad, marimba, xylophone, piano
Thad Wheeler, marimba, maracas
Nurit Tilles, Edmund Niemann, pianos
Philip Bush, piano, maracas
Elizabeth Lim, violin
Jeanne LeBlanc, cello
Leslie Scott, Evan Ziporyn, clarinets, bass clarinets

Produzierendes Personal

Produced by Judith Sherman
Recorded October 1996 at the Hit Factory, New York City
Engineered by John Kigore
Assistant Engineers: Glen Marchese, Chris Hilt
Mixed November 1996 and January 1997 at the Hit Factory, New York City
Assistant Mix Engineers: Tony Black, Greg Thompson
Production Assistants: Sidney Chen, Jeanne Velonis

Design by John Gall
Cover Photo by Fumio Kurasakai/Photonica

Executive Producer: Robert Hurwitz

Bearbeitet von Best_of_Album am 12. Sep. 2014, 17:06

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