Biografie

Es gibt mehrere Bands mit dem Namen „Saint Jude“

1.
Diary Of A Soul Fiend, Saint Jude Records/Cargo Records, 2010
Lynne Jackaman Vocals, Percussion
Adam Greene Guitar, Backing Vocals
Elliot Mortimer Keyboards
Colin Palmer Kellogg Bass, Backing Vocals
Lee Cook Drums
Arte Bratton Guitar
Brad „thirsty“ Gable & Sam Flowers Horns
Cole Campbell, Tiffany Harris, Jeffrey Beatty Jr. Backing Vocals
Trip Bratton Percussion

Diejenigen, die alt genug oder von Beruf Ahnenforscher sind, werden sich an die ROSSINGTON COLLINS BAND erinnern, jenem Sprössling der durch den Flugzeugunfall zum Stillstand gekommenen Southern Rock Stars LYNYRD SKYNYRD . Zumeist aus ehemaligen SKYNYRD Mitgliedern bestehend, fehlte der Band eben der Sänger, und flugs wurde eine der SKYNYRD Backing-Vocals-Damen - Dale Krantz - in den vokalen Pilotensessel gehoben. Die machte das immerhin so ordentlich, dass sie später zu Frau Rossington-Krantz gekürt wurde, mittels Heirat (ob wirklich ein Zusammenhang zwischen dem Leadsänger-Job und ihrer Heirat bestand, sei mal dahin gestellt).
Dales Vokalkünste kamen jedoch nicht bei allen an. Das SOUNDS Magazin kritisierte (aus meiner Erinnerung heraus): „Außerdem schreit sie immer so!“. Wenn man bedenkt, dass kürzlich Leute aus meinem Umfeld sogar den Gesang der göttlichen Janis Joplin als Geschrei bezeichneten, weiß man allerdings, dass das Geschmackssache ist - man kann und sollte es auch expressiven Gesangsstil nennen.

Um nun zu dieser neuen Band SAINT JUDE zu kommen, so legt die Frontfrau hier, Lynne Jackaman, einen ähnlich expressiven Gesangsstil an den Tag - allerdings klingt ihre Stimme nicht so kra(n)tzig. Man hat jedoch ständig den Eindruck, dass sie bewusst an die Grenze ihrer vokalen Fähigkeiten geht, was - Geschmackssache - mir gefällt und gut in den Musikkontext passt. Vergleiche mit Joe Cocker , bei dem man ja auch oft glaubt, gleich müsse sein Kehlkopf zerraspelt sein, liegen nahe.
Die Band selbst legt mit dem ‘Tagebuch einer Soul Furie’ ein feingewobenes Material aus Classic Good Time Rock mit einigen Fäden Blues verwoben vor, welches durch die an den White Soul angelehnten Balladen noch veredelt wird. Dabei ist das Ganze so gut produziert, dass man ob dieser Brillanz und Perfektion nur ins Staunen geraten kann - als wären hier uralte Cracks am Werk. Und in der Tat - Produzent Chris Kimsey hat schon die STONES produziert, und weiß, wie man das vorgelegte musikalische Material angemessen zum Glänzen bringt.
Wenngleich die Songqualität durch die Bank gehalten wird, sind die Eingangstracks Soul On Fire, Garden Of Eden und Little Queen mit ihren Honky-Tonk Keyboards, stellenweise Bläsereinsatz und den Gitarrenriffs mit ihrem warmen Biss Paradestücke des genannten Good Time Rock. Balladen wie das wunderbare Angel mit den Southern Huhu-Chören sucht man auch auf vielen CDs vergebens. Parallel Life könnte gar von Joe Walshs Life’s Been Good To Me inspiriert worden sein.
Das geht schnell ins Ohr, hat aber ganz sicher auch das Potential, dort lange hängen zu bleiben und bereitet unglaublichen Spaß. Ein rundherum gutes Paket und eine Kombination aus guter Musik, perfekter Darbietungen, hoher Musikalität und sauberer Produktion. Fast wirklich atemberaubend. Und Lynne Jackaman ist definitv eine Sängerin mit Soul und eigener Stimme.

Dietrich Gastrock, (Artikelliste), 06.12.2010

Als „Diary Of A Soul Fiend“ vor gut vier Wochen eintraf, konnte man auf deutschsprachigen Internetseiten zur Band SAINT JUDE so gut wie: nichts finden.
Jetzt, zum angekündigten Veröffentlichungsdatum, kann man auf deutschsprachigen Internetseiten immer noch nichts über SAINT JUDE lesen, und bei Amazon gibt es das Album nur als Download (für sensationelle 7 Euro). Das tut irgendwie weh und macht nachdenklich, denn während dieser vier Wochen machte die CD in meinem Handgepäck eine weite Reise bis nach Bulgarien und war bei den dort ansässigen Rock’n’Roll-Freunden ein echter Partyfavorit. Liegt das nun daran, dass die Fachleute vom Balkan rettungslos altmodisch und mit Retro-Mucke zufrieden zu stellen sind, oder sind wir Mitteleuropäer einfach nur so bizarr unterwegs, dass „normal gute“ Musik wegen der ewigen Suche nach der neuen Sensation und der latenten Reizüberflutung nicht mehr wahrgenommen wird?
Dieser Tage habe ich mit einem malenden, bildhauenden und schreibenden Freak aus Hamburg gesprochen, der SAINT JUDE dort kürzlich im Vorprogramm von Bonamassa gesehen hat, und der benutzte Worte wie „astrein“, „stark“ und „geiheil“, was bei den für gewöhnlich emotional stark unterkühlten Hanseaten nichts anderes als ein Ritterschlag ist.
Bleibt also nur noch zu klären, ob „Diary Of A Soul Fiend“ auch so ein heißes Teil wie ein Konzert von SAINT JUDE ist.

Wenn man bei MySpace oder Facebook die Bildergalerien und Videos betrachtet, erkennt man schnell, dass die fünf von SAINT JUDE stark mit der Optik der Sechziger arbeiten. Fotomotive, Klamotten und Frisuren, die man so von den Bands aus den „Swinging Sixties“, aus Soho und der Carnaby Street und all den damals angesagten Clubs mitsamt ihren Drogengesichtern kennt. Mod-Frisuren, Miniröcke, Paisleymuster, Hüte, Augenringe, Dreitagebärte, volle und leere Flaschen, viele Zigaretten - das kann man alles in Filmen und Bildbänden sehen, meist in schwarzweiß. Dumm ist nur, dass die Protagonisten von einst heute entweder tot, vergessen oder alt sind, da trifft es sich gut, dass SAINT JUDE eine junge Band ist, die hoffentlich eine wilde Zukunft vor sich hat.
Einen Patron haben die jungen Londoner auch. Es ist ausgerechnet Ron Wood, bei dem man nicht so ganz sicher sein kann, ob er wirklich der richtige Schutzbefohlene für junge Musiker ist. Der alte Depp mit dem fatalen Hang zu vierzig Jahre zu jungen Frauen und viel zu viel Schnaps hat sich erst dieses Jahr der alkoholbedingten Peinlichkeit ausgesetzt, von Jagger mit dem Rauswurf bei den STONES bedroht zu werden, wenn er sich nicht umgehend zusammenreißt und für die finale Welttour halbwegs nüchtern wird.
Immerhin war er bei einem oder mehreren Gigs von SAINT JUDE als „Stargast“ auf der Bühne, man kann die musikalisch eher mediokren Ergebnisse bei MySpace bewundern, und auf „Diary Of A Soul Fiend“ ist er auch auf dem einen oder anderen Song zu hören, ganz sicher auf Garden Of Eden (Angaben im Booklet fehlen).
Was Ronnie Wood wirklich ist, nämlich ein lebenslanges Rock’n’Roll-Tier, kann man in seiner wöchentlichen Radiosendung bei „Absolute Classic Rock“ nachhören. Auf Ronnies Homepage „Radio“ klicken, dort sind alle bisherigen Sendungen im Archiv abrufbar. Großer Spaß!
Ob die anstehende Reunion der FACES allerdings auch ein Spaß sein wird, sei angesichts eines Sängers Mick Hucknall (SIMPLY RED) dahingestellt.

Aber zurück zu „Diary Of A Soul Fiend“ von SAINT JUDE. Optik und musikalische Intension der Band sind geklärt, fehlt nur noch ein wichtiger Punkt: Für den Gesang sorgt kein schwitzender Typ mit langen Haaren und Spike-/Marriott-/Miller-Gekreische aus der Whiskydestillerie, sondern eine langhaarige, manchmal vielleicht schwitzende, ausgesprochen ansehnliche junge Frau, die problemlos mit den genannten Kreischhälsen und den adäquaten Damen der Szene mithalten kann. Lynne Jackaman ist natürlich der Trumpf von SAINT JUDE, da können die Burschen nur mit Körpereinsatz am jeweiligen Arbeitsplatz gegenhalten. Und das tun sie anfangs auch. Soul On Fire, Garden Of Eden und Little Queen schieben mächtig. Mit Bläsern und/oder Hammond-/Pianounterstützung, Schmutzgitarre und Lynnes hochtourigem Gesang geht eine hochunanständige Rhythm’n’Boogie-Granate los.
Mit einem Kerl am Mikro würden diese Nummern nahtlos auf „Ooh La La“, „A Bit Of What You Fancy“ oder „Full House“ passen - mit einer Sängerin sind sie einzigartig (wenn man sich die Joplin und Maggie Bell von STONE THE CROWS wegdenkt und Jennifer Deprez von THE CRASHERS und Saint Lu nicht kennt).
Leider kommen nach den drei Krachern zwei Balladen und nehmen der Scheibe ein wenig zu viel Schwung. Klar, alle bisher genannten Namen haben ganz große Schmonzetten in ihrem Repertoire, bei SAINT JUDE fehlt aber noch ein wenig Routine und songschreiberisches Feintuning für die Überballade.
Pleased To Meet You hat dann wieder Tiefe und Power, wird aber zwischendurch etwas unnötig immer wieder gebremst. Angel ist die erwartbare Blues-Ballade, Frau Jackaman macht aber in überragender Manier einen Klassesong daraus.
Rivers And Streams ist der einzige echte Ausfall auf „Diary Of A Soul Fiend“, wird aber vom bärig rockenden Parallel Life vergessen gemacht. Da bemerkt man auch wieder die starke Rhythmusabteilung, vor allem der Schlagzeuger mit seinem Minimalkit ist ein guter Mann. Adam Greene an der Leadgitarre sowieso.
Der Schlusssong Southern Belles erfüllt die Erwartungen. Das ist feinster Groove mit begeisternder Gitarre und einer Sängerin wie aus dem Wunscherfüllungsbuch.

Zum ganz dicken Überraschungscoup ist „Diary Of A Soul Fiend“ nicht geworden, an der Güte der Balladen darf noch gearbeitet werden, aber im Vollgasmodus ist SAINT JUDE im Jahr 2010 nur von ganz wenigen Konkurrenten schlagbar. Am Produzenten Chris Kimsey sollten die Newcomer auf jeden Fall festhalten, der macht schon seit 40 Jahren großartige Platten für so unwichtige Bands wie die ROLLING STONES und hat auch hier wieder den absolut richtigen Ton gefunden.
Das zweite Album von SAINT JUDE wird dann der Hit 2011. Hoffentlich.

Ein Nachtrag noch. Grandiose Sängerinnen wie Lynne Jackaman sind seit ein paar Jahren wieder „hip“. Man(n) darf nach langer Emanzipationspause endlich wieder sagen, dass man diese Frauen schrei- und aussehenstechnisch extrem scharf findet, denn Ladies wie Lynne oder die schon oben genannte Saint Lu wissen sehr genau, dass sie mit ihrem Rock & Roll Sex transportieren. Genau dafür wurde diese Musik einst erfunden.

Bearbeitet von tmjrichter am 21. Jun. 2012, 13:51

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