Biografie

Magma ist eine 1969 gegründete französische Progressive-Rock-Band. Die Band hat das Genre des Zeuhl begründet und trug viele Texte in der Kunstsprache Kobaïanisch (s. u.) vor. Diese Sprache wurde zudem zum wichtigen Stilmerkmal des Zeuhl.

Werdegang:

- Gründung, klassische Phase, Stil -

Magma wurde 1969 vom Schlagzeuger Christian Vander (*21. Februar 1948) gegründet. Zur kurzlebigen Gründungsbesetzung zählten auch dessen Ehefrau Stella Vander (*12. Dezember 1950; Gesang), Laurent Thibault (Bass), Eddy Rabbin (Keyboards), Claude Engel (Gitarre) und René GARBER (Gesang) sowie eine von Teddy Lasry geleitete Bläsergruppe aus der Band von Johnny Hallyday.

Die Musik von Magma zeichnet sich von Beginn an durch ausgeprägte Einflüsse von John Coltrane und Carl Orff aus und wird von der Rhythmusgruppe dominiert, die von Klavier und Bläsern unterstützt wird. Im Laufe der Bandentwicklung blieb die Gruppe dieser originären Klangmischung treu, der Gesangspart entwickelte sich dabei immer mehr in Richtung ekstatischem, komplexem mehrstimmigen Chorgesang, so dass gleichzeitig bis zu sechs Sängerinnen und Sänger beteiligt waren. Die Besetzung der Band hat sich oft verändert, allein zwischen 1969 und 1974 sollen drei Dutzend personelle Veränderungen stattgefunden haben. Praktisch auf jedem Album unterscheidet sich die Besetzung mehr oder weniger stark von der der vorherigen Veröffentlichung. Die einzige personelle Konstante war und ist Schlagzeuger Christian Vander, dessen prägnanter Schlagzeugstil die meisten Stücke dominiert, der die meiste Musik komponiert hat und der auch häufig als Sänger in Erscheinung trat. Er wiederum war stark beeinflusst vom Jazz-Schlagzeuger Elvin Jones. Weitere wichtige Mitglieder von Magma waren u.a. Klaus Blasquiz (Gesang), Jannick Top (Bass), Bernard Paganotti (Bass) und Didier Lockwood (Geige).

Die stark von monolithischer rhythmischer Komplexität und geringer melodischer Modulation geprägte, monotone Musik Magmas erzählt Mythen von dem fiktiven Planeten Kobaïa, der von ausgewanderten Erdenbewohnern kolonialisiert wurde. Die beiden ersten Alben der Band beschreiben die Reise zum Planeten Kobaïa, die Erleuchtung und die Rückkehr der Astronauten auf eine dem Untergang gewidmete Erde. Erlösung verspricht der Glaube an eine Kreuhn Kohrman genannte Lichtgestalt, die die Menschheit aus dem Theusz Hamtaahk, dem Zeitalter des Hasses, führt. Die Mythologie Magmas ist dabei stark von dem esoterischen Buch Urantia beeinflusst, einer Art Pseudo-Bibel, die religiöse Elemente unterschiedlichsten Ursprungs mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und Science Fiction verbindet. Die Band (besonders Christian Vander) sieht sich als Sprachrohr der Kobaïaner zur Verkündung vom Untergang der Erde durch Hass, Krieg und Umweltzerstörung. Die Mitglieder der Gruppe trugen daher oft kobaïanische Alternativnamen, die Texte der Band und teilweise auch die redaktionellen Bemerkungen auf den Plattenhüllen sind ebenfalls in der Sprache des Planeten verfasst (s. u.).

In der ersten Hälfte der 70er Jahre entstanden in rascher Folge fünf Alben. Die beiden ersten Alben der Band beschreiben die Reise zum Planeten Kobaïa, die Erleuchtung und die Rückkehr der Musiker auf eine dem Untergang gewidmete Erde. Die Trilogie „Theusz Hamtaahk“, die das Stück „Theusz Hamtaahk“ und die Alben „Wurdah Ïtah“ und „Mekanïk Destruktïw Kommandöh“ umfasst, beschreibt eine Konfrontation zwischen Erdenbürgern und Kobaïanern und die zweite Trilogie, die die Alben „Köhntarkösz“, „K.A“ und das noch fertigzustellende „Emëhntëht-Rê“ umfassen wird, berichtet von einer Verbindung des alten Ägypten mit den Kobaïanern.

Kennzeichnend für Magma wurden also ausufernd lange Kompositionen mit vertrackter Rhythmik, die den philosophischen und futuristischen Inhalt weniger mit Sci-Fi-Klängen, sondern mehr in theatralischer und emotionaler Form umsetzen. Das Album „Mekanïk Destruktïw Kommandöh“ von 1973 etwa, ein zentrales Werk der Gruppe, stellt eine einzige zusammengehörige Komposition dar, auch wenn es in verschiedene Abschnitte unterteilt ist. Ähnlich verhielt es sich mit dem Album „Köhntarkösz“ von 1974. Im Jahr 1975 stellte Magma auf einer Live-DoLP unter Beweis, dass die komplexen, bis zu 40 Minuten langen Stücke auch live spielbar waren. Das Cover des Albums „Attahk“ von 1977, das musikalisch getragener, streckenweise fast schon sakral erscheint, entwarf H. R. Giger.

Ab den späten 70er Jahren wurde es ruhiger um Magma. Zum zehnjährigen Bandjubiläum fanden 1980 mehrere Konzerte mit Musikern aus den verschiedenen früheren Besetzungen statt. Die beiden „Retrospektïw“ betitelten Alben von 1981 enthalten Aufnahmen der Jubiläumskonzerte. Das 1984 erschienene Album „Merci“ enthielt erstmals Anklänge an Disco und Funk (Musik), die Texte sind nur noch partiell in Kobaïanisch, meist jedoch englisch und französisch. Außergewöhnlich für dieses Album ist auch, dass Christian Vander sich neben der Produktion auf Gesang und Klavier beschränkte und seinen angestammten Platz am Schlagzeug Francois Leizeau überließ. Trotz der mitunter quirligen Melodien wurde im Pressetext darauf hingewiesen, dass die Stücke von „Merci“ alle den Tod zum Thema haben. Seltsamerweise wurde mit „Ooh ooh baby“, dem funkigsten und vielleicht in der gesamten Bandgeschichte am wenigsten charakteristische Titel, auch erstmals eine Single ausgekoppelt, die jedoch keinen kommerziellen Erfolg hatte.

In der Folgezeit erschienen zahlreiche Alben nur unter dem Namen von Christian Vander, bei denen jedoch auch meist Magma-Musiker beteiligt waren, und die sich klanglich teilweise nahtlos in das Magma-Gesamtwerk einfügen (z. B. die beiden „Offering“ betitelten DoLPs von 1986 und 1990 oder auch schon 1974 mit „Tristan et Iseult“). 1987 gründeten Christian und Stella Vander die Plattenfirma „Seventh Records“. Unter dem Namen Magma erschienen, mit Ausnahme eines Konzerts von 1993, für über zehn Jahre allerdings lediglich nachveröffentlichte Live-Aufnahmen aus den 1970er und frühen 1980er Jahren.

Comeback:

Um 1996 formierten Christian und Stella Vander mit Musikern der Magma-Coverband „One Shot“ eine verjüngte neue Besetzung, mit der sie ihr altes Material neu einstudierten und erneut als Magma auf Tournee gingen. Inzwischen schon lange zur obskuren Kultband avanciert, war die Band sofort gerne gesehen auf zahlreichen Konzerten. In Deutschland waren Magma Ende der 1990er u.a. auf dem Burg-Herzberg-Festival oder in einer Würzburger Kirche zu sehen.

1998 erschien mit der Single „Floe Essi“/“Ektah“ erstmals seit 1984 neu eingespieltes Material der Band. Im Jahr 2004 legten Magma mit „K.A.“ dann ein neues Album vor, das ein Stück aus den siebziger Jahren rekonstruiert und daher stilistisch direkt an die klassischen Phase der Band Mitte der 70er Jahre anschließt (und erneut kobaïanische Texte aufweist). Die kurz darauf erfolgte Veröffentlichung „Uber Kommandoh“ ist eine nicht-autorisierte Kompilation. Seit 2006 setzt die Gruppe ihr Rekonstruktionswerk fort: sie arbeitet derzeit an „Emëhntëht-Rê“, dem Stück, das ihre zweite Alben-Trilogie vervollständigen wird.

Magma gehören zu den wenigen Bands, die in über drei Jahrzehnten einem eigenwilligen und genrebildenden Stil auf hoher musikalischer Ebene treu geblieben sind und die dabei auch kontinuierlich live zu überzeugen wussten. Auch ohne überwältigende kommerzielle Erfolge besteht eine nicht gerade geringe, treue Fangemeinde.

Einfluss und Bedeutung:

Der Einfluss Magmas auf die französische Musikszene sowohl des (Progressive) Rock als auch des Jazz ist nicht groß genug einzuschätzen. Zahlreiche bedeutende Musiker aus diesen Bereichen (Janik Top, Bernard Paganotti, Teddy Lasry) sammelten bei Magma Erfahrungen, die sie später in eine sich neu entwickelnde Musikszene einbrachten. Zudem begründete die Band praktisch im Alleingang den Zeuhl, ein Subgenre des Progressive Rock, dem heute weltweit zahlreiche Bands zuzurechnen sind. Dies umfasst zunächst Bands, die von den zahlreichen im Verlauf der Bandgeschichte involvierten Musikern gegründet wurden (Weidorje, Zao) und weitere französische Bands wie Dün, Eskaton, Shub Niggurath oder Zoïkhem, aber auch Bands aus England (Guapo) und Belgien (Univers Zero, Présent). Vor allem in Japan wurde das Genre weiterentwickelt und mit Elementen aus Hard Rock, Heavy Metal und Jazz angereichert (Bondage Fruit, Koenjihyakkei, Ruins). Die Protagonisten des Zeuhl bedienen sich dabei nicht nur der von Magma entwickelten Stilelemente, sondern auch gerne des Kobaïanischen oder einer Variante desselben (s. u.).

Kobaïanisch:

Kobaïanisch (frz. Kobaïen) ist eine Kunstsprache (siehe auch Konstruierte Sprache), die die Mitglieder von Magma, der Schlagzeuger Christian Vander und der Sänger Klaus Blasquiz in den späten 60er und frühen 70er Jahren entwickelt haben und die zu einem Stilmerkmal des ebenfalls von der Gruppe geprägten Genres Zeuhl wurde.

Hintergrund

Die Band (besonders Christian Vander) sieht sich als Sprachrohr der Kobaïaner zur Verkündung vom Untergang der Erde durch Hass, Krieg und Umweltzerstörung. Die Texte werden folgerichtig in der Sprache der Kobaïaner, Kobaïanisch vorgetragen. Auch tragen die Mitglieder der Gruppe oft kobaïanische Namen, darunter Zebëhn Straïn dë Ğeuštaah, etwa [‘zebɛn ʃtrain dɛ ‘gœʃta] (Christian Vander), Klötsz Zaspïaahk, [klots ‘zas’pjak] (Klaus Blasquiz) oder Ẁahrğenuhr Reuğhelem/ësteh, etwa [‘va:rgɛ’ny:r ‘rœgɛlɛmoʃtɛ:] (Bassist Janik Top). Daneben sind die Texte auf den Plattenhüllen ebenfalls oft in der Sprache des Planeten verfasst.

Auch die Genrebezeichnung Zeuhl ist dem Kobaïanischen entlehnt. Zeuhl oder Zeuhl Wortz bedeutet ‘himmlische Musik, Musik der allumfassenden Macht’. Kobaïanisch (oder eine seiner Varianten) wurde über die Jahre zum wichtigen Stilmerkmal des Zeuhl, auch bei anderen Bands wie etwa Weidorje, Koenjihyakkei, Zoïkhem oder Ruins.

- Sprachliche Charakteristika -

Dem Musikjournalisten Siegfried Schmidt-Joos erschien das Kobaïanische im 1973 erschienenen Rock-Lexikon als „eine rückwärts gesprochene Melange aus deutschen und slawischen Sprachbrocken“, tatsächlich entwickelten Vander und Blasquiz die Sprache aber aus dem im Jazz verbreiteten Scat-Gesang, einer Art improvisiertem Singen von rhythmisch und melodisch aneinandergereihten lautmalerischen Silbenfolgen ohne semantischen Gehalt (Bedeutung). Die von Vander und Blasquiz gesungenen Silbenfolgen verdichteten sich nach und nach zu wiederkehrenden Mustern, denen in der Folge Bedeutungen zugewiesen wurden, sodass es heute möglich ist, die Bedeutungen einzelner kobaianischer Ausdrücke zu identifizieren, z. B.:

* ëmgalaï: Apokylpse
* glao: Blut
* hamtaahk: Hass
* hündin: ewig
* kreuhn: Übergeordnetes Wesen, Gott
* wurdah: Tod
* theusz: Zeit
* zeuhl wortz: himmlische Musik

Einige Wörter scheinen nach französischem bzw. lateinischem Vorbild gebildet zu sein, wie z. B.:

* dëstruktïw: Zerstörer
* klawiehr: Klavier, Keyboard
* kömmandöh: Kommando
* mëkanïk: Bewegung

Allerdings lassen sich lediglich semantische Strukturen identifizieren, Kobaïanisch scheint keinerlei Grammatik aufzuweisen. So bedeutet theusz ‘Zeit’, hamtaahk ‘Hass’, und die Verbindung theusz hamtaahk ‘Zeit des Hasses’. Wie oder ob der Genitiv markiert wird, ist unklar (evtl. durch Wortstellung, Betonung oder Melodie).

- Beispiel -

Der Beginn des Textes zu Magmas Magnum Opus Mëkanïk Dëstruktïẁ Kömmandöh lautet:

Lah ẁortz rëišfünk dëh ẁërëstëgëuhnzür ünd dëh bündëhr drakeïdah kömmandöh ẁürdï hëul zortsüng. Hurẁah dëh zün Hurẁah dëh Zëbëhn Hurẁah dëh Ğëuštaah Hurẁah dëh ğlëšt Hurẁah dëh kümpkah Hurẁah dëh Hürẁah Hurẁah Kamkaï!

Diskographie:

* 1970 - Magma
* 1971 - 1001° Centigrades
* 1973 - Mekanïk Destruktïw Kommandöh
* 1974 - Wurdah Ïtah
* 1974 - Köhntarkösz
* 1975 - Live (Hhai)
* 1976 - Üdü Wüdü
* 1976 - Inédits
* 1977 - Attahk
* 1981 - Retrospektïw 1-2
* 1981 - Retrospektïw 3
* 1984 - Concert Bobino 1981
* 1984 - Merci
* 1989 - Mekanïk Kommandöh
* 1992 - „Les Voix“ Concert 1992
* 1996 - Concert 1971 Bruxelles - Théâtre 140
* 1996 - Theatre du taur Concert - Toulouse 1975
* 1996 - Concert 1976 Opéra de Reims
* 1998 - Simples
* 1998 - Floe Essi / Ektah
* 1999 - BBC 1974 Londres
* 2001 - Theusz Hamtaahk Trilogie
* 2004 - Concert Bobino 1981 (DVD)
* 2004 - K.A
* 2004 - Uber Kommandoh
* 2006 - Mythes et légendes Volume I (DVD)
* 2006 - Mythes et légendes Volume II (DVD)
* 2007 - Mythes et légendes Volume III (DVD)

Bearbeitet von Axel65 am 27. Aug. 2007, 9:07

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