Das neue Werk der „Komplizen der Spielregeln“ heißt „Es wird nur noch geatmet“, wurde im Frühjahr 2008 mit Hannes Jaeckl in den Temple Studios auf Malta aufgenommen und nun fertig gestellt. Und es ist großartig geworden.

Christian Steinbrink über das Album:

Um es zu Beginn gleich ganz klar zu sagen: Ich kann mich nicht erinnern, mich schon mal so schwer damit getan zu haben, meine Gedanken zu einem Album in Worte zu fassen. Und ich mache das wirklich schon ziemlich lange. Auch deshalb habe ich für diesen Text eine sehr persönliche Perspektive gewählt. Um nicht dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden, was ich ganz allgemein gültig gar nicht sagen kann. Denn: Ich habe nicht das Gefühl, „Es wird nur noch geatmet“ schon vollständig durchdrungen zu haben. Trotzdem bin ich fasziniert von der Platte. Sie fordert mich komplett, sie entzieht sich mir, wirft mir dann wieder ein paar Brocken hin, um kurz darauf ohne Ankündigung wieder kehrt zu machen und mir die kalte Schulter zu zeigen. Sie ist störrisch, fast schon gemein und doppelzüngig. Und doch blinkert sie immer wieder mit Reizen, die mich weiter wie besinnungslos hinter ihr herlaufen lassen. Wie die Ratten in Hameln dem Rattenfänger, wie die Katze ihrem Schwanz. Ich habe mich selten so willenlos und an der Nase herumgeführt gefühlt.

Ganz grundlegend ist „Es wird nur noch geatmet“ Postpunk, Post-Hardcore, irgendwas mit Post-, nichts klassisch, nichts stilvollendet. Die Gitarren auf dieser Platte sind aber nie dazu da, um schlicht zu ‚rocken’. Sie machen jeden Song zu einem hybriden und komplexen Konstrukt auf wackeligen Pfeilern. Die Rhythmik dieser Musik nimmt unerhörte Wendungen, von Marschmusik zu Disco, von jazziger Spielerei zu treibenden Punkbeats. Manchmal schenken uns die Komplizen der Spielregeln ein Riff, das sie dann auch mal ein paar Sekunden durchhalten oder sogar wiederholen, und selten wirkte so ein Riff dermaßen wie ein Ruhekissen inmitten von tosender, zerhackter, so aufmerksamkeitsintensiver wie anfeuernder Kreativität, Musik, Kunst.

Eigentlich wäre diese Musik allein schon verwirrend und multidimensional genug. Aber die dazugehörigen Texte tun dem Hörer nicht den Gefallen, nachvollziehbar und brav leicht melancholische Geschichten zu erzählen. Im Gegenteil, sie setzen der Komplexität der Platte die Krone auf. Beispiel gefällig?

„Ihr wusstet wir wissen/
Einkommen ist etwas anderes als auskommen/
Und doch gießt du deine Nervenenden in Beton/
Immer auf der Suche nach einem besseren Feind/
Mit Schleife im Haar/
- Schön so mit Happy End nach der zweiten Strophe“
(aus „Weiß“)


Diese Worte kommen allesamt von Tobi Ortmanns, dem Sänger, Frontmann und im Konzert charismatisch dampfendem Aushängeschild der Komplizen. Seine Texte changieren zwischen kämpferisch und resignativ, zwischen aufpeitschend und innehaltend. Sie sind Kollagen von Satzfetzen aus seinem legendären Jutebeutel, quasi einem Rotbuch des Punkrock. Sie vernachlässigen eindeutige Sinnhaftigkeit zugunsten von farbenfrohen und gar nicht mal so frohen Stimmungen, jedenfalls muss man das als Außenstehender so verstehen. Tobi würde das wohlmöglich ganz anders sehen. Lassen wir ihm seinen Glauben. Ich würde jedenfalls sagen, dass Texte wie in „Kreissaalsafari“ den eskapistischen Charakter dieser Musik untermauern:

„Vor mir wurden die Wolken in die Luft gesprengt
Gelassen schnitt der Zufall
Mundgerechte Apfelstücke
In den Membranhals

Hinter deinem Lächeln
Schließen die Türen selbsttätig
Ein Sturm über der Südsee
Erfindet das Schweigen neu!“


Wo Wahrheit sowieso nicht mehr allgemeingültig sein kann, braucht man sie auch nicht mehr zu suchen. Realität ist da, einfach gesprochen, ein Sammelsurium aus Eindrücken, die nur selten wirklich zusammen passen. Folgerichtig wäre Eindeutigkeit auch höchst realitätsfremd. Die Komplizen der Spielregeln versuchen sie also gar nicht erst. Ihre Songs sind ein Fall für die Suche nach der eigenen Kunstsprache der Spex und darin wohl höchstens mit Kristof Schreuf vergleichbar. Ob man aber durch die Komplizen einen Hinweis erhält, um Kunstsprache zu definieren? Ich bezweifele es, finde das aber auch ganz okay so. Wir suchen schließlich schon so lange, und nur wer immer weiter sucht (und atmet), kann auch etwas finden.

Eben ist mir übrigens eingefallen, welche Platte die letzte war, die mich annährend ähnlich verwirrt hat wie „Es wird nur noch geatmet“: Es war eine von den 31Knots. Auch ein hübscher Verweis, den man nennen könnte. Wenn man es sich einfach machen möchte oder ähnlich, ja, überfordert ist wie ich. Aber, und darauf gebe ich ein Versprechen ab: Ich bleibe am Ball! Und jeder Hörer sollte das auch tun.

Bearbeitet von umtausch_xxl am 7. Jan. 2009, 13:23

Quellen

myspace.com/fuerimmerpunk

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