Biografie

Deutsche Gitarrenband um Michael Girke, gegründet 1984 in Bad Salzuflen.

Girke stammt aus Herford. Vor Jetzt! war er bei der Punk Band The Toll aktiv. Zusammen mit Jürgen Jahn und Micheal Henning von The Toll gründete er später das Fast Weltweit Label. Er war somit Teil der sogenannten »Fast-Weltweit-Bande« – benannt nach dem gleichnamigen Tonstudio und Plattenlabel »Fast Weltweit« im ostwestfälischen Bad Salzuflen. Auf der Mehrspurmaschine von Frank Werner materialisieren sich die Frühwerke (unter anderem) von Frank Spilker (aka. Die Sterne), Jochen Distelmeyer (Die Bienenjäger, später Blumfeld), Bernadette La Hengst (Die Braut haut ins Auge, Mobylettes) und Bernd Begemann und kommen über Vinylsingles, Split-LPs und vor allem Cassettensamplern unter das (überschaubare) Fanvolk.

Auf der ersten Single (Meine Stille Generation, 1984) spielen neben Girke (Gesang, Gitarre) Frank Spilker (Gitarre), Fried Gerber und Volker Seewald (Schlagzeug). Am Mischpult sitzt Thomas Schwebel (Fehlfarben-Gitarrist der ersten Stunde), der später auch als Bassist zur Band gehört… In den Credits zu dieser Single taucht ein weiterer Bekannter auf: der spätere Netzaktivist padeluun, mitverantwortlich für die Covergestaltung. Als klassisches „frühes“ Lineup gilt das mit Michael Girke, Thomas Schwebel und Klaus Mertens.


In den kommenden Jahren zieht es nahezu alle Fast-Weltweit-Künstler nach Hamburg, wo bereits Bernd Begemann mit seiner Band Die Antwort Fuß gefasst und einen Plattenvertrag hatte. Begemann, Die Sterne und Blumfeld werden die Vorläufer und Wegbereiter der späteren »«.

Michael Girke hingegen geht zwecks Studium nach Berlin und trifft dort auf Michael van den Nieuwendjik, mit dem er in Kreuzberg Tür-an-Tür wohnt. Mijk Van Dijk wird als Bassist Teil des neuen »Berliner« Jetzt!-Lineups, das mit Oliver Mills (Schlagzeug) komplettiert wird. 1987 entsteht Bad Salzuflen ein Demotape, auf dem (labelüblich) auch Bernadette La Hengst und Jochen Distelmeyer als Studiomusiker in Erscheinung treten. Aber bereits wenige Monate später wird an einem Küchentisch in Kreuzberg die Auflösung der Band beschlossen (1987). »Vielleicht klebt an Großstädten Pech« singt Girke 1988 im »Dorf am Ende der Welt«. Bernd Begemann titelt 2000 »Berlin war stärker« und spielt damit angeblich auf das Scheitern von Girkes musikalischen Ambitionen an.

Mitschuld an diesem Scheitern war sicherlich, dass nach dem Abebben des NDW-Hypes kaum jemand auf Popmusik mit deutschen Texten reagierte: der große neue deutsche Hype aus Berlin war 1987 das Berliner Fräuleinwunder in Gestalt der Rainbirds oder wenig später die Hamburger Jeremy Days, die sich beide der englischen Sprache bedienten und den Trend für Musik aus Deutschland setzten.

Jetzt! hingegen kamen trotz engagiertem, wütend-melancholischem Songwriting mit entsprechendem lyrischem Aussagekern über ein Nischendasein nicht hinaus. Allen FW-Bands gemeinsam war das Anliegen, authentische Musik nach britischem Vorbild in deutscher Sprache zu machen. Anfangs sind Jetzt! offensichtlich stark beeinflusst durch den zornigen Gitarrensound von Bands wie The Jam, in der Berliner Phase kann man sowohl Pop-Spuren ausmachen als auch Einflüsse von britischen Indie-Bands wie The Smiths.

Hatten die sorgfältig und ausdruckstark verfassten Texte der frühen Songs (1984-86) noch treffsicher die Bewusstseinsnuancen der spätkapitalistischen Spektakelgesellschaft und deren kleinstädtische Ausprägungen seziert, verflüchtigte sich dieser sozialistisch-existentialistische Einschlag jedoch nach und nach. Die Berliner Songs von 1987 kommen weniger plakativ daher, verhandeln persönliche und zwischenmenschliche Themen, ersehnte Nähe und erlebte Entfremdung, Teenage Angst und den Aufbruch in den Ernst des Lebens. Die Hoffnung auf ein besseres, anderes Leben, die hier aufblitzt, verschwindet in den späten Songs (1988) wie »Winterschlaf« oder »Das Dorf am Ende der Welt« völlig und gibt einer resignativen Innerlichkeit raum, die in »Ein Lied, in dem alle Fiesen sterben« gipfelt.

Nach dem Ende der Berliner Band spielt Michael Girke seine Lieder solo mit akustischer Gitarre ein und veröffentlicht sie zunächst noch unter dem Bandnamen, »Ein Lied, in dem alle Fiesen sterben« dann schließlich unter eigenem Namen. Nach 1988 gibt es keine musikalsichen Lebenszeichen mehr von ihm. Sein Berliner Bandkollege Mijk Van Dijk hingegen wird (zunächst journalistisch, dann als Musiker, DJ und Produzent) noch im selben Jahr Teil der gerade entstehenden Berliner Tekkno-Szene.

Aufnahmen / Veröffentlichungen:
1984: Meine stille Generation / Acht Stunden sind kein Tag (Single)
1985/86: Vielleicht Menschen, Ein deutsches Leben, Hoffentlich passiert bald was (Split-LP)
1987: Liebe in GROSSEN Städten (Demotape)
1988: Winterschlaf, Das Dorf am Ende der Welt, Mitten im Krieg (FastWeltweit-Cassettensampler Nr. 1 und 2)

»Kommst du mit in den Alltag« (Text: Girke, Musik: van Dijk-Girke) wird 1988 von Blumfeld auf dem Album „Old Nobody“ gecovert; Jochen Distelmeyer sagt, Michael Girke sei in jungen Jahren als sein künstlerisches Vorbild gewesen.
»Mitten im Krieg« wird 2005 von Wireless artist feat. Paul Rose gecovert.
Bernadette La Hengst hat »Das Dorf am Ende der Welt« für ihr 2008er Album »Machinette« aufgenommen.

Sämtliche Tonträger der Band sind vergriffen, kein einziges Stück ist je auf CD veröffentlicht worden.

Bearbeitet von k_luxery am 22. Feb. 2011, 21:58

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  • 1984
Aufgelöst in (Jahr):
  • 1987
  • 1988
Wiedervereinigt in (Jahr):
  • 1987
Gegründet in (Ort):
  • Bad Salzuflen

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