Hans Werner Henze (* 1. Juli 1926 in Gütersloh) ist ein deutscher Komponist. Der in Marino (Latium) lebende Henze gehört zu den bedeutenden deutschen Komponisten der Gegenwart.

Leben

Henze wurde als erstes von sechs Kindern eines Dorfschullehrers geboren und zeigte schon früh sein Interesse an Kunst und Musik. Diese Vorliebe und seine politische Einstellung führten zu Auseinandersetzungen mit seinem konservativen Vater und überzeugten Parteigenossen. Dieser meinte auch, dass so etwas wie er ins KZ gehöre, als seine homosexuelle Neigung erkennbar wurde und wollte ihn auf eine Musikschule der Waffen-SS schicken. Henze begann 1942 ein Studium an der Staatsmusikschule Braunschweig in den Fächern Klavier und Schlagzeug. 1944 wurde er noch zum Kriegsdienst einberufen. Diese erschütternde Erfahrung führte bei Henze zu einem Gefühl der Mitschuld, aber auch zur lebenslangen leidenschaftlichen Ablehnung von Krieg und Faschismus.

Nach kurzer britischer Kriegsgefangenschaft wurde er 1945 Korrepetitor am Stadttheater Bielefeld. Ab 1946 setzte er sein Studium bei Wolfgang Fortner in Heidelberg fort. Fortner lehnte es ab, Henze die Zwölftontechnik nahezubringen: Er nannte sie „erledigt“, woraufhin sich der Student die Schönbergsche Kompositionstechnik selber beibrachte, ehe er sie 1949 bei René Leibowitz in Darmstadt und Paris studierte. In seinen ersten Kompositionen setzte sich Henze denn auch aktiv mit der Zwölftontechnik auseinander, verknüpfte sie aber mit neo-klassizistischem Stil, so in der ersten Sinfonie und dem ersten Violinkonzert (1947).

1948 wurde Henze musikalischer Mitarbeiter am Deutschen Theater Konstanz, und seine erste Oper Das Wundertheater (nach Miguel de Cervantes Saavedra) entstand. 1950 wurde er Leiter des Balletts am Hessischen Staatstheater in Wiesbaden. In diesen Jahren komponierte er neben zwei Rundfunkopern und dem ersten Klavierkonzert sein erstes bedeutendes Bühnenwerk, die Oper Boulevard Solitude, 1952 in Hannover uraufgeführt, eine moderne Version des Manon Lescaut-Stoffes. Diese Oper etablierte Henze endgültig als einen der führenden Komponisten seiner Generation.

Von Deutschland enttäuscht, in dem er sich zunehmend politisch und künstlerisch isoliert empfand, siedelte er 1953 nach Italien über. Besonders das künstlerische Dogma des Serialismus sah Henze als Einengung seiner Kreativität. Henze lebte zunächst in Forio d’Ischia, wo er regen Kontakt und Austausch mit der dort ansässigen Intellektuellenkolonie pflegte (u.a. Wystan Hugh Auden, Golo Mann und William Walton). Später lebte Henze in Neapel, Castel Gandolfo und schließlich in Marino in den Albaner Bergen, wo er bis heute lebt.

Henze verband eine große Freundschaft mit Ingeborg Bachmann. Gemeinsam schufen sie die Opern Der Prinz von Homburg (1958) nach Heinrich von Kleist und Der junge Lord (1964) nach Wilhelm Hauff sowie die Nachtstücke und Arien (1957) und die Chorfantasie (1964). In dieser Zeit begann sich Henze politisch aktiv zu engagieren und wurde Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens (KPI).

Henzes verstärktes politisches Engagement beeinflusste seine Werke deutlich: Dazu gehören das Oratorium Das Floß der Medusa, dessen Uraufführung 1968 in Hamburg an den Westberliner Mitwirkenden scheiterte, die unter einem Porträt von Che Guevara und bei aufgestellter Revolutionsfahne nicht spielen wollten, und das Stück für Sprecher und Kammersensemble El Cimarrón (1970), das während seiner Lehrtätigkeit von 1969 bis 1970 in Havanna entstand. Mit der Oper We Come to the River (Wir erreichen den Fluss) nach Edward Bond erreichte Henzes gesellschaftskritische Kunst 1976 ihren Höhepunkt.

Als erstes Festival zur Verbreitung Neuer Musik gründete Henze 1976 den Cantiere Internazionale d’Arte in Montepulciano, wo 1980 seine Kinderoper Pollicino uraufgeführt wurde. Von 1980 bis 1991 leitete er eine Kompositionsklasse an der Musikhochschule Köln. Er gründete 1981 die Mürztaler Musikwerkstätten, 1984 das Deutschlandsberger Jugendmusikfest und schließlich 1988 die Münchener Biennale, ein „Internationales Festival für neues Musiktheater“, dessen künstlerischer Leiter er war. Seine eigenen Opern wurden wieder konventioneller, so Die englische Katze (1983), wieder nach Edward Bond, und Das verratene Meer (1990) nach dem Roman Gogo no Eiko von Yukio Mishima.

Auch in seinem Spätwerk prägen humanes und politisches Engagement seine Kompositionen. Das so genannte Requiem (1990), bestehend aus neun geistlichen Konzerten für Klavier, Trompete und Kammerorchester, schrieb Henze zum Andenken an den früh verstorbenen Musiker Michael Vyner; die neunte Sinfonie für gemischten Chor und Orchester (1997) mit Versen nach dem Roman Das siebte Kreuz von Anna Seghers ist eine Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte.

Relativ aktuelle Erfolge waren 2003 die Uraufführung der Oper L’Upupa und der Triumph der Sohnesliebe nach einem syrischen Märchen bei den Salzburger Festspielen. Ein weiterer Höhepunkt in seiner Karriere war die Uraufführung der dritten Fassung der Oper „Gogo no Eiko“ (Das verratene Meer) bei den Salzburger Festspielen am 26. August 2006. Es spielte das Orchestra Sinfonico Nazionale della Rai unter Gerd Albrecht, der den Komponisten zur Weiterarbeit an dem Werk motiviert hatte. Am 6. September 2007 wurde seine Konzertoper Phaedra, Libretto Christian Lehnert, an der Berliner Staatsoper Unter den Linden, vom Ensemble Modern unter der Leitung von Michael Boder, uraufgeführt. Während der Arbeit an diesem Werk hatte er 2005 einen ernsten Schwächeanfall erlitten und kurz nach der Fertigstellung verstarb im April 2007 sein Lebensgefährte und Adoptivsohn Fausto Moroni (* 1944), den er 1964 in einem Antiquitätenladen kennengelernt hatte.

Werk

Henze hat sich stets gegen die Festlegung auf einen bestimmten Stil oder eine bestimmte Technik gewehrt. Gegen die vorherrschende künstlerische Richtung der sogenannten Darmstädter Schule verzichtete er von Anfang an auf puristisch serielle Organisation seiner Werke und komponierte angstfrei eklektizistisch. 1967 sagte er: Bald werden die Clusters, die seriellen Rezitative und die Happenings sich endgültig erschöpft haben, und der junge Komponist wird sich vergebens in solchem Ödland nach Nahrung für seine hungrige Seele umsehen. Vorbild war für Henze der nach einer extrem experimentellen Phase neo-klassizistisch komponierende Igor Strawinsky.

Den Schwerpunkt von Henzes Werk bilden die Bühnenkompositionen, die durch das enorme dramaturgische Gespür des Komponisten und die bühnentaugliche Vermischung verschiedenster Musikstile und -richtungen zu für gegenwärtige Musikwerke ungewöhnlich großen Publikumserfolgen wurden. Henze, zeitlebens offen für musikalisch-literarische Tradition und Gegenwart, benutzte klassische Werke als Vorlagen (u.a. Abbé Prevosts bereits von Massenet und Puccini vertonte Manon Lescaut, Heinrich von Kleists Der Prinz von Homburg, Wilhelm Hauffs Märchen Der Affe als Mensch), arbeitete aber auch mit zeitgenössischen Autoren wie Ingeborg Bachmann, Wystan Hugh Auden, Hans-Ulrich Treichel und Edward Bond zusammen.

Henze ist ein explizit politischer Künstler, der Komponiertechniken dazu benutzt Stellung zu beziehen: So ist der reaktionären Gesellschaftsschicht in der Oper Boulevard Solitude konservative Tonalität zugeordnet, während die Außenseiter Manon und Des Grieux durch Zwölftontechnik als fortschrittlich charaktierisiert werden; in We Come to the River sind der Welt der Gewalt elektronisch verstärkte Streicher und tiefes Blech in extremer Lautstärke zugeordnet; die neunte Sinfonie, musikalisch extreme Angst und Verfolgung vermittelnd, ist als Ganzes „den Helden und Märtyrern des deutschen Antifaschismus gewidmet“.

Henze wendet sich gegen das Elitäre gerade des klassischen Musikbetriebs, fordert andererseits seine Zuhörer durch zahlreiche bildungsbürgerliche Verweise und Rückgriffe auf Musik, Literatur und Malerei. Einige wenige Beispiele: In Die englische Katze orientiert sich Henze an Ludwig van Beethovens Diabelli-Variationen; in Das Floß der Medusa „vertont“ er das gleichnamige Gemälde von Théodore Géricault; in Tristan für Klavier, Tonbänder und Orchester werden eine anonyme Florentiner Ballade des 14. Jahrhunderts und Richard Wagner verarbeitet; die Ode an den Westwind adaptiert das Gedicht von Percy Bysshe Shelley; die Sologitarrenwerke Royal Winter Music sind musikalische Porträts von Dramenfiguren William Shakespeares.

Auszeichnungen

* 1951: Robert-Schumann-Preis der Stadt Düsseldorf
* 1953: Premio d’Italia der RAI für Ein Landarzt
* 1956: Sibelius-Gold-Medaille London
* 1957: Großer Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für Musik
* 1961: Kunstpreis der Stadt Hannover
* 1975: Ehrenmitglied der Royal Academy of Music, London
* 1976: Ludwig Spohr-Preis der Stadt Braunschweig
* 1982: Ehrenmitglied der Deutschen Oper Berlin
* 1983: Bach-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg
* 1990: Ernst von Siemens Musikpreis
* 1990: Apollo d’oro, Bilbao
* 1991: Preis des Internationalen Theaterinstituts
* 1991: Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
* 1995: Westfälischer Musikpreis; Musikpreis der Stadt Duisburg
* 2000: Praemium Imperiale
* 2004: Ehrendoktorwürde für Musikwissenschaft der Hochschule für Musik und Theater München

Bearbeitet von Wulfenlord am 12. Okt. 2007, 14:32

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