Biografie

Franz (Ferenc) Liszt [ˈlist] (* 22. Oktober 1811 in Raiding (auf Ungarisch Doborján), damals Königreich Ungarn, heute Österreich (Burgenland); † 31. Juli 1886 in Bayreuth), war ein Komponist österreichisch-ungarischer Herkunft und einer der brillantesten Pianisten des 19. Jahrhunderts.

Leben

Das Wunderkind

Franz Liszt war der einzige Sohn des fürstlichen Rentmeisters Adam Liszt und seiner Frau Maria Anna, geb. Lager, Tochter eines Kurzwarenhändlers aus Krems in Niederösterreich, dessen Vorfahren deutscher Abstammung waren. Der Ort Raiding (ung. Doborján) lag im Komitat Ödenburg (ung. Sopron) im ungarischen Teil des Kaiserreichs Österreich und wurde vom ungarischen Adelsgeschlecht Eszterházy verwaltet. Liszt fühlte sich zeitlebens als Ungar, obwohl er nie die ungarische Sprache beherrschte, da in Raiding nur Deutsch gesprochen wurde. Der rudimentäre Unterricht, den der junge Franz Liszt vom Dorfkaplan erhielt, wurde ebenfalls auf Deutsch erteilt. Liszts Großvater, Georg Adam Liszt fügte das z in den Namen List ein, damit der Name korrekt auf ungarisch ausgesprochen wurde, ansonsten hätte die ungarische Aussprache den Namen als „Lischt“ erklingen lassen. Durch die frühe Umsiedlung und den langen Aufenthalt in Frankreich wurde das Französische zur gebräuchlichen Sprache Liszts, auch ein Großteil des Briefverkehrs wurde in französischer Sprache verfasst. Als Kleinkind fiel Liszt zunächst nur durch Kränklichkeit auf. Sein Vater notierte später, man habe ihm als Dreijährigen sogar einmal voreilig einen Sarg zimmern lassen, weil man ihn für tot hielt. Bald erkannte der Vater, der selbst musikalisch begabt war, die Musikalität seines Sohnes. Franz erhielt ersten Klavierunterricht mit sechs Jahren von seinem Vater. Schon bald begann der Kleine mit erstaunlichen Improvisationen, und seine Begabung sprach sich herum. Ein blinder Flötist namens Baron Braun kam 1820 auf die Idee, den Neunjährigen bei einem Konzert in Ödenburg auftreten zu lassen. Dort spielte Liszt das Es-Dur-Konzert von Ferdinand Ries so meisterlich, dass sein Vater gleich ein zweites Konzert organisierte. Von nun an sah sich sein Vater in der Rolle des Impresario.

Nach langem Bitten schaffte es der Vater, dass Liszt dem Fürstenhaus Eszterházy als Wunderkind vorgestellt wurde. In der „Städtischen Preßburger Zeitung“ wurde am 28. November 1820 berichtet:

„Verflossenen Sonntag, am 26. dieses Monats, in der Mittagsstunde hatte der neunjährige Virtuose Franz Liszt die Ehre, sich vor einer zahlreichen Versammlung des hiesigen hohen Adels und mehrerer Kunstfreunde, in der Wohnung des hochgeborenen Grafen Michael Esterházy auf dem Klavier zu produzieren. Die außerordentliche Fertigkeit dieses Künstlers, sowie auch dessen schneller Überblick im Lesen der schwersten Stücke, indem er alles, was man ihm vorlegte, vom Blatt spielte, erregte allgemeine Bewunderung und berechtigt zu den herrlichsten Erwartungen.“

Die frühe Fixierung Liszts auf eine Karriere als Pianist führte zu ganz erheblichen Mängeln in der Allgemeinbildung. Das bereitete ihm später Schwierigkeiten, insbesondere bei der Auseinandersetzung mit geistigen Problemen, und erklärt so manche nicht nachvollziehbare Überlegungen. Jedoch versuchte er im Laufe seines Lebens unablässlich, dieses Bildungsdefizit auszugleichen. Adam Liszt wollte seinem Sohn die bestmögliche Ausbildung ermöglichen, die ihm selber immer verwehrt wurde, und so wurde der junge Liszt dem bekannten Klavierpädagogen und Beethoven - Schüler Carl Czerny in Wien vorgestellt. Dieser willigte freudig ein, den jungen Wunderknaben zu unterrichten. Adam Liszt versuchte sogleich bei seinem Arbeitgeber Esterházy eine Freistellung und auch eine finanzielle Unterstützung zu erbitten, welche jedoch nicht bewilligt wurden. So musste Adam Liszt notgedrungen seine Anstellung als Rentmeister in Raiding kündigen.

Ausbildung

1821 siedelte die Familie nach Wien über, um dem Jungen die bestmögliche musikalische Förderung angedeihen zu lassen. Bei Carl Czerny, der zu der Zeit als einer der besten Pianisten galt, erhielt er Klavierunterricht, bei dem damals schon zweiundsiebzigjährigen Antonio Salieri wurde er in Komposition unterwiesen. 1823 ging die Familie nach Paris. Es blieb Franz Liszt jedoch verwehrt, sich am Pariser Konservatorium einzuschreiben, da er nicht Franzose war. Es war der Konservatoriumsdirektor Luigi Cherubini, selbst kein Franzose, der Vater und Sohn die ablehnende Entscheidung persönlich überbrachte. Liszt erinnerte sich später:

„Ich bebte an allen Gliedern. Nichtsdestoweniger verharrte, flehte mein Vater, seine Stimme belebte meinen Mut und ich versuchte ebenfalls einige Worte zu stammeln. Allein das Reglement war unerbittlich – und ich untröstlich. Alles schien mir verloren, selbst die Ehre, und ich glaubte an keine Hilfe mehr. Mein Klagen und Seufzen wollte gar nicht enden. Die Wunde war zu tief und blutete noch lange Zeit fort.“

Aber es war kein Unglück, dass Liszt die starren Formen der akademischen Lehrgänge erspart blieben. Er studierte Kompositionstechnik bei Ferdinando Paer und später bei Antonín Reicha. Die vielen Empfehlungsbriefe aus Ungarn und Wien öffneten dem jungen Virtuosen die Salons der vornehmen Gesellschaft. Man sprach über ihn, von ihm waren überall Bilder ausgestellt, und die Einnahmen flossen erträglich. Konzerttourneen durch Frankreich und England erweiterten Liszts Bekanntheitsgrad. Seinem in dieser Zeit geäußerten innigen Wunsch, Priester zu werden, widersprach der Vater. Liszt beugte sich dessen Wunsch.

Auf eigenen Füßen

Während einer Konzerttournee erkrankt Adam Liszt schwer. Der Arzt verordnet beiden eine Kur in Boulogne-sur-Mer . Einige Tage später stellt sich bei dem Vater unvermittelt heftiges Fieber ein, er stirbt drei Tage später. Der sechzehnjährige Liszt ist plötzlich auf sich allein gestellt. Er kehrte nach Paris zurück und verdiente seinen Lebensunterhalt mit dem Erteilen von Klavierstunden. In kurzer Zeit hatte er viele Schülerinnen und Schüler, vor allem aus adeligen Kreisen. Eine dieser Schülerinnen war Caroline de Saint-Cricq, die aus adligem Hause stammte. Die Mutter des Mädchens hatte gegen die Verbindung nichts einzuwenden, jedoch verbot der Vater nach dem Tod der Mutter jede weitere Verbindung. Er teilte Liszt mit, dass der Standesunterschied es unmöglich mache, einer Ehe zuzustimmen. Liszt fiel in ein tiefes seelisches Loch, erwog zum zweiten Mal, Priester zu werden. Er zog sich zurück und trat selten in der Öffentlichkeit auf. In Paris dachte man, Liszt wäre verstorben und die Zeitung „Le Corsaire“ druckte sogar einen Nachruf ab:

„Der junge Liszt starb zu Paris […] Dieser außerordentliche Knabe vergrößert die Liste der frühreifen Kinder, welche auf der Erde nur erscheinen, um zu verschwinden. […] Auch wir beklagen seinen Tod, und vereinen uns mit seiner Familie, um den frühzeitigen Verlust zu beweinen.“

Der Salonlöwe

Ein Erlebnis von großer Tragweite war Liszts erstes Zusammentreffen mit Niccolò Paganini. Liszt hörte den Violinist wahrscheinlich im März 1831, nachweislich aber ein Jahr später, anlässlich eines Konzertes, das dieser in Paris gab. Es war nicht nur Paganinis virtuoses Spiel auf der Violine, das das Publikum in verzückte Rage geraten ließ. Es war auch die dämonische Aura, mit der sich der exzentrische Paganini umgab. Als „Teufelsgeiger“ ließ er sich feiern. Liszt war fasziniert. Er übte von nun viele Stunden am Tag Klavier:

„…Seit 15 Tagen arbeiten mein Geist und meine Finger wie zwei Verdammte,- Homer, die Bibel, Platon, Locke, Byron, Hugo, Lamartine, Chateaubriand, Beethoven, Bach, Hummel, Mozart, Weber sind alle um mich herum. Ich studiere sie, betrachte sie, verschlinge sie mit Feuereifer; überdies übe ich 4 bis 5 Stunden (Terzen, Sexten, Oktaven, Tremolos, Repetitionen, Kadenzen, etc. etc.). Ach! Sollte ich nicht verrückt werden, wirst Du einen Künstler in mir wieder finden! Ja, einen Künstler, einen wie Du ihn wünschst, einen, wie man ihn heutzutage braucht […]“

Schwer zu akzeptieren war für Liszt das Kunstverständnis seiner Zeit. Denn Kunst war auch im 19. Jahrhundert noch das Privileg der Reichen und des Adels. Für diese stellten die Konzertsäle nicht nur Orte der Kunst dar, sondern insbesondere Gelegenheiten zum Repräsentieren und zur Vorführung des neuen Abendkleides.

Von der aufgesetzten Vornehmheit, die in den Salons vorherrschte, war Liszt nur wenig angezogen, vielmehr abgestoßen. 1833 schrieb er an eine Schülerin:

“Mehr als vier Monate habe ich weder Schlaf noch Ruhe gehabt: Geburtsaristokratie, Begabungsaristokratie, Glücksaristokratie, elegante Koketterie der Boudoirs, die schwere Atmosphäre der diplomatischen Salons, der sinnlose Tumult der Routs, Gähnen und Bravorufe in literarischen und künstlerischen Abendveranstaltungen, egoistische und verletzende Freuden auf dem Ball, Plaudereien und Dummheiten in Teegesellschaften, Scham und Selbstvorwürfe am nächsten Morgen, Triumph im Salon, überspannte Kritiken und Lobhudeleien in Zeitungen aller Art, künstlerischen Enttäuschungen, Erfolg beim Publikum, alles das habe ich durchgemacht, alles erlebt, alles gefühlt, verachtet, verflucht und beweint.“

Es war eine Erfahrung, die Liszt stark geprägt hat.

Pilgerjahre eines Virtuosen

„Années de Pèlerinage“ (Pilgerjahre) benannte Liszt eine Sammlung von Klavierkompositionen, die er 1835 schrieb und ursprünglich als „Album d’un voyageur“ herausgab. Es war die Zeit, in welcher er mit der Gräfin Marie d’Agoult durch Europa reiste und sich an verschiedenen Orten in Italien und der Schweiz aufhielt. Die Gräfin (die später unter ihrem Schriftsteller-Pseudonym Daniel Stern Romane publizierte) hatte er 1833 kennengelernt. Das leidenschaftliche Aufflammen füreinander mündete in eine langjährige Beziehung. Aus dieser Verbindung gingen die drei Kinder Blandine 1835, Cosima 1837 (die spätere Ehefrau Richard Wagners) und Daniel 1839 hervor. 1836 kam es zu dem vom Publikum herbeigesehnten Klavierwettstreit mit dem als unschlagbar geltenden österreichischem Pianisten Sigismund Thalberg. Richtig ernst genommen hatte diesen Wettkampf keiner der beiden Virtuosen, die zur Freude des Pariser Publikums tatsächlich an einem Abend gleichzeitig auftraten. Ihm zufolge entstand das Bonmot „Thalberg ist der erste aller Klavierspieler, Liszt der einzige“.

Als Liszts Konzerttätigkeiten immer mehr zunahmen, zog Marie d´Agoult zurück nach Paris. Das Paar und die Kinder sehen sich von nun an selten. Die Beziehung zwischen der Gräfin und dem gefeierten Virtuosen beginnt zu bröckeln. Die einst große Leidenschaft war bei Liszt einer Ernüchterung gewichen. Er schrieb im September 1838 in einem Brief an sie:

„Einstmals waren Sie meine Zuflucht, mein Trost, mein stets sprudelnder Quell in dieser dürren Wüste, jetzt ist der Himmel ehern, die Nacht dunkel und kalt, bittere Tränen benetzen meine müden Lider. Marie, werden Sie mir bleiben? Sind Sie mir geblieben? Marie, Marie, hat die Zauberkraft, die in diesem Namen lag, sich verflüchtigt? Bin ich es, der unser Leben zerbrochen hat?“

Liszt bereiste als Virtuose ganz Europa. In jeder großen Stadt empfängt ihn das Publikum euphorisch. Der Höhepunkt seiner Karriere waren 21 Konzerte im Frühjahr 1842 in Berlin. Neben den vielen Konzerten und den dadurch auch nicht geringen finanziellen Einnahmen, konzertierte Liszt häufig auch für wohltätige Zwecke. Außerdem unterstützte er maßgeblich den Bau der Bonner Beethovenhalle und des Beethovendenkmals.

Trotz der vielen Erfolge spielte Liszt schon länger mit dem Gedanken, seine Virtuosenlaufbahn aufzugeben.


Im Dienst des Großherzogs

Die Wanderjahre durch alle europäischen Städte, in welchen Liszt als großer Virtuose gefeiert wurde, fanden 1842 ihr vorläufiges Ende. In diesem Jahr erhielt Liszt zunächst die Stellung eines außerordentlichen Hofkapellmeisters in Weimar beim Großherzog Carl Friedrich von Sachsen-Weimar-Eisenach. Aber auch das Konzertieren gab er nicht ganz auf. Auslandsreisen führten ihn nach Spanien, Portugal, in die Schweiz und in verschiedene deutsche Staaten. Die Festanstellung als ordentlicher Kapellmeister erfolgte 1848. Da hatte Liszt für sich entschieden, die Zeit als Virtuose zu beenden und sein künstlerisches Wirken auf das Komponieren und das Aufführen von Musikwerken zu verlagern. Erst 20 Jahre später, 1868 resümierte er zu diesem Schritt:

“Was ist das doch für eine widerliche Notwendigkeit in dem Virtuosenberufe – dieses unausgesetzte Wiederkäuen derselben Sachen! Wie oftmals habe ich nicht die „Erlkönig“-Stute besteigen müssen!“

1847 begegnete Liszt der Fürstin Carolyne von Sayn-Wittgenstein. Aus der Freundschaft erwuchs eine intime Beziehung, deren Stellenwert bei Liszt nicht eindeutig geklärt ist. An einen Freund schrieb er in dem Zusammenhang:

„Es ist nicht unmöglich, dass ich schließlich ein sehr gutes Geschäft mache, aber ich wage nicht davon zu sprechen, aus Angst, dass ich mich lächerlich mache…“.

Über Jahre hinweg lebten die Fürstin und Liszt wie ein Paar, sogar Heiratspläne wurden geschmiedet, die aber wegen der möglichen Unrechtmäßigkeit der Annullierung der ersten Ehe Sayn-Wittgensteins Schwierigkeiten erwarten ließen. Dieses Hindernis zum Anlass nehmend, distanzierte Liszt sich von einer ehelichen Verbindung ohne Angabe von Gründen. Neben dem Konzertieren und Komponieren, widmete sich Liszt dem Unterrichten. Sehr bald entwickelte sich die Altenburg, sein Wohnsitz in Weimar, zu einem Zentrum für Schüler, Literaten, Künstler und Komponisten. Zu seinen berühmtesten Schülern in dieser Zeit gehörten Hans von Bülow und Carl Tausig. Auch viele zeitgenössische Komponisten besuchten Liszt und die Fürstin Sayn-Wittgenstein auf der Altenburg, so auch Johannes Brahms und Clara und Robert Schumann.

Der Förderer

Liszt ist ohne Zweifel zu den Anhängern des Grafen Saint-Simon zu rechnen, der ein Vordenker von Marx und Engels war; sein sozialer Beitrag war beachtlich. Er zahlte mittellosen Kindern das Schulgeld und erteilte kostenlosen Musikunterricht. Er überwies Renten an alte und kranke Musiker, unterstützte politische Flüchtlinge, spendete ungeheure Summen für Bedürftige, half streikenden Landarbeitern uvm. Viele große Komponisten erhielten finanzielle Mittel von ihm, ohne die sie heute wohl nicht mehr bekannt wären. Hierzu zählen u.a. Richard Wagner, Wendelin Weißheimer, Hector Berlioz, Bedrich Smetana und Edvard Grieg.

Er widmete sich verstärkt der Komposition von Orchesterwerken, allem voran den Sinfonischen Dichtungen, die unter seinem Schaffen eine wegweisende Fortentwicklung sinfonischer Werke darstellten. In dieser Zeit verhalf er u. a. den Kompositionen Richard Wagners zu größerer Bekanntheit. 1849 und 1850 wurden „Tannhäuser“ und „Lohengrin“ in Weimar aufgeführt. Zahlreiche Orchesterwerke u. a. von Robert Schumann, Hector Berlioz, Richard Wagner, Hans von Bülow, Joachim Raff, Anton Rubinstein, aber auch eigene Kompositionen wurden von Liszt in der Folgezeit zu Gehör gebracht. Das Weimarer Publikum hatte daran allerdings wenig Freude. Konservativ und geradezu provinziell wie es sich gab, favorisierte es das tradierte musikalische Programm und wollte von den modernen Werken der zeitgenössischen Komponisten nichts hören. Dass Liszt ausgerechnet ihr Städtchen zum Bollwerk der Neudeutschen Schule machte, war ihnen bestenfalls gleichgültig. Sein Amt als Hofkapellmeister legte Liszt 1859 erbost nieder, als die Uraufführung der Oper „Der Barbier von Bagdad“ des Komponisten Peter Cornelius vom Publikum niedergezischt wurde. 1861 sorgte der Liszt-Anhänger Felix Draeseke mit der Aufführung seines „Germania-Marsches“ für einen Skandal, den viele deutsche Zeitungen zum Anlass nahmen, auch Verrisse über Liszt zu schreiben. Liszt verließ daraufhin Weimar und ging nach Rom.

Lebensabend

1865 empfing Liszt, der schon früher immer wieder religiöse Phasen durchlebte, in Rom die niederen Weihen als Abbé. Wegen seines ausschweifenden Verhaltens wurde er zunehmend bespöttelt; auch sein Weiherang stellte für ihn keinen Grund dar, die zahlreichen Liebeleien mit Frauen aufzugeben. Religiöse Themen und kirchenmusikalische Kompositionen bildeten von nun an den Schwerpunkt seines Schaffens. Zwar war Liszt erst 53 Jahre, als er Abbé wurde, er hatte somit noch 22 Jahre bis zu seinem Tod vor sich. Dennoch lässt sich feststellen, dass das Wesentliche seines Lebens sich bis 1864 abgespielt hat. Seine letzten Jahre verliefen recht unauffällig mit Konzertbesuchen und Dirigaten von Orchesteraufführungen in verschiedenen europäischen Städten.

Als Liszts Tochter Cosima 1864 ihren Mann, den Dirigenten Hans Guido von Bülow, verließ und Richard Wagner folgte (sie heirateten schließlich 1870), war das Verhältnis zwischen Cosima, Wagner und Liszt erheblich gestört. Erst 1872 verbesserte sich die Beziehung langsam. Gleichwohl: Von Wagners frühzeitigem Tod 1883 erfuhr Liszt nur durch die Mitteilung, dass Cosima seine Anwesenheit bei der Beerdigung als unerwünscht betrachte.

1886 reiste Liszt – wie in den letzten Jahren regelmäßig – nach Bayreuth, um die unter der Leitung seiner Tochter stehenden Bayreuther Festspiele zu besuchen. Zum Zeitpunkt der Reise war Liszt schon schwer erkrankt. Er starb wenige Tage nach seiner Ankunft am 31. Juli 1886 und wurde auf dem Bayreuther Stadtfriedhof beigesetzt. Damit wurde dem letzten Willen des Verstorbenen entsprochen, den er 17 Jahre vor seinem Tod niedergeschrieben hatte: „Overbeck´s Hingang (Anm.: die Rede ist von einem Angehörigen seines Freundes Franz Overbeck) hat mich an den meinigen gemahnt. Ich wünsche, bitte und befehle nachdrücklichst, dass meine Bestattung ohne Prunk geschehe, so einfach und schlicht wie möglich. Ich erhebe Einsprache gegen ein Begräbnis, wie jenes Rossini´s es war, und selbst gegen jede Zusammenberufung von Freunden und Bekannten, wie bei Overbeck´s Leichenbegängnis. Keinen Pomp, keine Musik, kein Ehrengeleite, keine überflüssige Beleuchtung noch irgendwelche Reden will ich haben. Ich will keinen anderen Platz für meine sterblichen Überreste, als den Friedhof des Ortes, wo ich sterben werde und die Inschrift meines Grabes könnte lauten: Et habitabunt recti cum vultu suo.“ (Psalm 139/140,14: die Aufrechten werden vor deinem Angesicht bleiben)

Liszts Lebenswerk

Franz Liszt hat die bis zu seiner Zeit übliche Form des Klavierspiels und dementsprechend auch die Klavierkomposition neu geprägt. Was hierfür entscheidend war: Die Hammerklaviermechanik gab es zwar schon seit 1709 (sie wurde von Bartolomeo Cristofori erfunden), gleichwohl erfuhr sie ihre bedeutendste Fortentwicklung im 19. Jahrhundert. Zudem brach Liszt von Anbeginn mit allen Regeln der Klavierspieltechnik, die zu der Zeit streng nach Lehrbüchern praktiziert wurde. Eine der bekanntesten Vorlagen diesbezüglich dürfte die von Johann Nepomuk Hummel 1828 herausgebrachte „Ausführliche theoretisch-practische Anweisung zum Piano-Forte-Spiel“ gewesen sein. Unbeeindruckt von jedweder „Hummelschen Krabbeltechnik“ ließ Franz Liszt seine Hände hoch über die Tastatur fliegen, viele Karikaturen geben Zeugnis von der Eigenart seines Spiels. Hector Berlioz notierte:

„Was ich bezüglich der Technik als tatsächlich Neues bei den unendlichen unter Liszts Hand entstehenden Tonmassen unterscheiden konnte, beschränkt sich auf Aktzente und Nuancen, die auf dem Klavier hervorzubringen man allgemein für unmöglich gehalten hat und die bisher tatsächlich unerreichbar waren.“ (…)

Zu seinen Erfindungen zählen die so genannten Konzertparaphrasen, bei denen Liszt ein Thema oder mehrere Themen aus bekannten Opern aufgriff und diese ausgeschmückt mit eigenen kompositorischen Ideen zu brillanten Klavierstücken umarbeitete. Bis auf den heutigen Tag sind seiner Technik des Klavierspiels keine nennenswerten Neuerungen hinzugefügt worden.

Sehr bekannt und beliebt sind auch Liszts ungarische Rhapsodien. Sie basieren auf Zigeunerweisen, deren Hauptmerkmal die so genannte Zigeunertonleiter ist. Hinzuzufügen ist aber, dass Liszt in seinen Kompositionen hierüber gleichwohl den in den Salons seiner Zeit vorherrschenden Musikgeschmack berücksichtigt hat.

Um 1850 setzte in Liszts musikalischer Sprache eine zunehmende Abkehr von der virtuosen Brillanz früherer Werke ein. Die Thematik ist oft religiös inspiriert, und als Liszt 1865 die niederen Weihen eines Abbé empfing, kehrte sich seine Musik langsam von der Welt ab. Harmonisch betrat er nun völlig neue Wege, er ging weit über die Harmonik von Wagners „Tristan und Isolde“ hinaus, sogar das Terrain der Dur-Moll-Tonalität verließ er und gelangte dabei an die Grenze zur Atonalität. Damit stieß er rund 30 Jahre vor Arnold Schönberg und Alexander Skrjabin auf musikalisches Neuland vor, das sich seinen Zeitgenossen unmöglich erschließen konnte, und erwies sich damit als einer der großen Visionäre der Musikgeschichte.

Erwähnenswert ist, dass Liszt seine schöpferische Fantasie gern in den Dienst des Andenkens an Ludwig van Beethoven stellte. Von diesem war er als Zwölfjähriger im April 1823 nach einem Konzert in Wien geküsst worden, was Liszt zeitlebens als große Ehrung empfand. So war es für ihn selbstverständlich, alle 9 Sinfonien von Beethoven in Form der Transkription zu Klavierfassungen umzuarbeiten und seinem Publikum in den Konzerten stets den einen oder anderen Satz daraus vorzuspielen.

Bei seinen Werken für Orchester favorisierte Liszt eine Entwicklung, die u. a. von Hector Berlioz angestoßen worden war: Die Gattung der Sinfonischen Dichtung. Ihr Wesensmerkmal ist, der Musik ein „Programm“ zugrundezulegen (z. B. bei der „Faust“-Sinfonie die gleichnamige Tragödie von Johann Wolfgang von Goethe), und dieses „Programm“ (ausschließlich) instrumental thematisch aufzubereiten und hörbar zu machen. Mit dieser Form erfolgte zugleich die Abkehr von dem bis dahin auch in der Romantik noch sehr gebräuchlichen formalen Aufbau in der Sinfonie.

Neben der Idee der Programmmusik verwendete Liszt in seinen Werken häufig eine Art Leitmotiv, also ein Motiv, das in verschiedenen Teilen des Werkes wiederkehrt und mit dem häufig ein programmatischer Inhalt verknüpft ist (z.B. das Faust-Mephistopheles-Thema in der Faust-Sinfonie). Seine musikalischen Innovationen können nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das Spätwerk weist weit über seine Zeit hinaus und wurde von seinen Zeitgenossen nicht mehr wahrgenommen. Bezeichnenderweise wurden seine letzten Werke für Komponisten wie Bartok und Schönberg wegweisend, da Liszt deren freie Tonalität und Atonalität antizipierte. Erst ab den 70er Jahren wurde jedoch seine Außergewöhnlichkeit als Komponist von Publikum und Wissenschaft zunehmend erkannt.

Liszt als Lehrer

Schon in Paris war Liszt als Lehrer sehr gefragt. Außerdem war er auf die finanziellen Einnahmen angewiesen, da er den Lebensunterhalt für sich und seine Mutter bestreiten musste. Eine seiner Schülerinnen war Valérie Boissier, deren Mutter Auguste Boissier den Unterricht in ihren Tagebüchern festhielt. Diese Tagebücher wurden später von Liszts Enkelin Daniela von Thode-Bülow veröffentlicht. In dieser frühen Unterrichtsphase achtete Liszt sehr intensiv auf eine gute Technik, und er empfahl, täglich mehrere Stunden technische Übungen zu absolvieren. Später übernahm Liszt in Genf eine Klavierklasse am neu gegründeten Konservatorium. Während seiner zwölfjährigen Virtuosenzeit unterrichtete Liszt nicht.

Vor allem ab 1869, dem Jahr seiner endgültigen Übersiedelung nach Weimar in die ehemalige Hofgärtnerei, erteilte Liszt stets kostenlosen Klavierunterricht. Sein Schüler Frederic Lamond hat darüber berichtet. Danach erwartete Liszt von seinen Schülern, dass sie mit vollkommener Spieltechnik zu ihm kamen. Technisches wurde im Unterricht so gut wie gar nicht erwähnt. Liszt ging es um den Geist der Musik, den er mit erhellenden Bemerkungen zu benennen wusste. Minderbegabte Schüler drängten zuhauf in seinen Unterricht. Er ließ sie zwar zu, kritisierte aber ihr Spiel, scheinbar scherzend, doch eigentlich vernichtend, mit wohlgesetzten Worten. Gegen die Hochbegabten war er von unerbittlicher Strenge. Selten setzte er sich selbst ans Klavier. Der Höhepunkt seiner Unterrichtstätigkeit war zweifelsohne die zweite Weimarer Zeit. Bis zu 30 Personen drängten sich zweimal wöchentlich in die Räume der Hofgärtnerei. Die Schüler legten ihre einstudierten Werke auf den Flügel, und Liszt suchte sich die Stücke heraus, die er hören wollte. Während des Spiels ging er im Raum auf und ab und gab hier und da spitze, humorvolle Kommentare zu den Anwesenden.

Über 300 Schüler nannte Carl Lachmund, der auch Lisztschüler war. Einige davon prägten das Klavierleben bis ins 20. Jahrhundert hinein.

Eine Auswahl:

* Isaac Albeniz
* Eugen d’Albert
* Conrad Ansorge
* Hans von Bülow
* Henri Gobbi
* Rafael Joseffy
* Karl Klindworth
* Frederic Lamond
* Sophie Menter
* Alfred Reisenauer
* Moriz Rosenthal
* Emil von Sauer
* Alexander Siloti
* Bernhard Stavenhagen
* Carl Tausig
* Anton Urspruch

Zitate

* Robert Schumann: (…) Diese Kraft, ein Publikum sich zu unterjochen, es zu heben, tragen und fallen zu lassen, mag wohl bei keinem Künstler, Paganini ausgenommen, in so hohem Grad anzutreffen sein. Am schwierigsten aber lässt sich über diese Kunst selbst sprechen. Es ist nicht mehr Klavierspiel dieser oder jener Art, sondern Aussprache eines kühnen Charakters überhaupt, dem, zu herrschen, zu siegen, das Geschick einmal statt gefährlichen Werkzeugs das friedliche der Kunst zugeteilt. (Aus: Komponisten über Musik)
* Maurice Ravel: Welche Mängel in Liszts ganzem Werk sind uns denn so wichtig? Sind nicht genügend Stärken in dem tumultuösen, siedenden, ungeheuren und großartigen Chaos musikalischer Materie, aus dem mehrere Generationen berühmter Komponisten schöpften? (…) (Aus einer Konzertbesprechung von 1912)
* Alfred Einstein: Franz Liszt war ein geborener Revolutionär, und wäre es vereinbar mit dem Respekt vor seiner großartigen Persönlichkeit, so möchte man sagen, er war ein geborener Libertin, ein geborener Bohemien. Seine seltsame Laufbahn und geistige Entwicklung haben es mit sich gebracht, dass unter allen romantischen Musikern er der unabhängigste und ungebundenste gewesen ist. (…) (Aus: Die Romantik in der Musik, 1950)

Namensgeber

Zu Franz Liszts Ehren wurden die durch seinen Einsatz entstandene Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar, die Franz-Liszt-Musikakademie Budapest sowie der Asteroid mit der Nummer 3910 benannt. Außerdem sind die Lisztaffen nach Franz Liszt benannt, da ihre Kopfbehaarung seiner Frisur ähnelt. In Eschweiler gibt es eine Franz-Liszt-Gesellschaft.

Bearbeitet von SheenaFee am 13. Feb. 2011, 14:20

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