Robert Anton Wilson
(18. Januar 1932 – 11. Januar 2007)
Ein Epitaph
Kalifornien im Oktober 1999: Ich bin unterwegs von San Francisco nach Los Angeles und plane einen Abstecher nach Santa Cruz, um Robert Anton Wilson zu treffen und kann es kaum glauben. Zuvor hatte alles ganz realistisch geklungen, als wir uns am Telefon verabredet hatten, doch nun, als ich mich seinem Wohnort nähere, wird mir bewusst, was für tiefgreifende Veränderungen die Bücher dieses Mannes einst in meinem jugendlichen Geist ausgelöst hatten: Geschichte war neu geschrieben worden; zutiefst verknotete Bedeutungszusammenhänge wurden sichtbar: Atlantis, die Illuminaten, Nazis, Kommunismus, Freimaurer, die
Church of Satan,
Radio Werewolf,
Aleister Crowley,
Death in June – es hing alles in so feiner und feinsinniger Verwobenheit ausgebreitet, als habe die Hohepriesterin des Tarot ihren Schleier gelüftet, um die letzten Mysterien zu enthüllen und mit dem spöttischen Lachen des Narren ans Licht der Erkenntnis zu zerren.
Wilsons Bücher hatten mich dekonstruktivistisch denken gelehrt Jahre, bevor ich dieses Wort zum ersten Mal hörte. Mit
Der Neue Prometheus (das sich in Deutschland häufiger verkaufte als die legendäre
Illuminatus!-Trilogie) legte Wilson die tiefgründigste, praktischste und nicht zuletzt humorvollste Darstellung von
Timothy Leary’s Schaltkreismodell des Bewusstseins vor.
Wenn auch manche von Wilson’s Prognosen von der Geschichte ignoriert worden sind, trugen seine Romane nicht nur zum Kanon gegenkultureller Literatur bei, sie waren die Schaumkrone auf der Welle des Booms der modernen Verschwörungstheorien, die mit ungeminderter Wucht immer weitere Kreise der Gesellschaft erfasst. Die Konspirologie, die Erforschung von Verschwörungstheorien und ihrer soziokulturellen und psychologischen Funktionen, verdankt Wilson ihre Existenz.
Er selbst betrachtete sich als wissenschaftlichen Agnostiker, dessen kauzig-kindliche Neugier ihn politische, kulturelle, historische, semiotische und semantische Systeme spielerisch auseinandernehmen und ebenso spielerisch betrachtete, wobei neue, andere Realitätsebenen auftauchten, bis von tradierten Vorstellungen über Wahrnehmung und Welt, Wesen und Wirklichkeit, nichts mehr blieb als ein spöttisches Fragezeichen.
„Reality is with how much you can get away“ schrieb Wilson und war überzeugt: Nichts und niemand auf der Welt, keine Ideologie, kein Mythos und keine Autorität, ist gegen einen guten Witz immun.
Nun, Jahre später, ist Robert Anton Wilson den Weg alles Irdischen gegangen, und ich blättere in alten Tagebucheinträgen nach dem 15. Oktober 1999. Als Erforscher von Sub- und Gegenkulturen war es mir mithin normal vorgekommen, Leute zu treffen, deren Arbeit mich einst tief beeindruckt hatte (
Alan Stivell,
Alien Sex Fiend und
Albert Hofmann, um ein paar zu nennen, die mit „A“ anfangen), aber auf dem Weg zu R.A.W. stellte sich jenes vorfreudige Adrenalin-Kribbeln ein, das man vor dem ersten Rockkonzert seines Lebens hatte; die Aufregung der Ungewissheit, schlicht: Vorfreude, als mir klar wurde, welchen fundamentalen Einfluss die Schriften Wilson’s auf meine Entwicklung, ja, Initiation gehabt hatten.
Und um weiterer pathetischer Glorifizierung vorzubeugen, zitiere ich das nüchterne Protokoll unserer Begegnung, wie es in dem alten Tagebuch festgehalten ist:
Ich war ein wenig irritiert, RAW in einer Art Wohnblockbunker vorzufinden. Der kurz zurückliegende Tod seiner Frau hat Spuren hinterlassen: Robert machte den Eindruck eines traurigen, einsamen alten Mannes. Er schleicht durch die winzige, aber sonnenlichtdurchflutete Wohnung, zieht das rechte Bein nach; ein Überbleibsel lange zurückliegender Kinderlähmung. Auf seinem T-Shirt stand zu lesen: „667 – The Neighbour of the Beast“, und er schlug vor, in seine Lieblingsbar zu gehen. Es dauerte eine Weile, bis wir es vor die kameraüberwachte Wohnanlage ins Auto geschafft hatten. Wir fuhren zum „Crow’s Nest“, einem Café irgendwo an der Küste zwischen Santa Cruz und Capitola.
Bei einem Guinness für mich und einem doppelten was-auch-immer-hochprozentigen für ihn zeigte er sich dann von der wachen, lebendigen Seite, mit sprühendem Humor, bizarren Anekdoten und sarkastischen Anspielungen. Das dominante Gesprächsthema waren natürlich Verschwörungstheorien, und wir amüsierten uns köstlich über Paranoia im Allgemeinen und derjenigen von Verschwörungstheoretikern im Besonderen, tauschten wirre Gerüchte aus, und er erzählte, dass er gerade an einem Projekt namens
Black Magic & Evil Curses arbeitete, in dem er sich über alle möglichen Formen von „Superstition“ lustig macht. Der Film
23 [in dem er einen Gastauftritt hat] ist in den USA nicht erschienen, sodass er die Endfassung des Films gar nicht gesehen hat.
Internet als Katalysator beim Paradigmenwechsel am Beginn des neuen Äons.
Über die Tendenz zu Verschwörungsparanoia & allgegenwärtiger Überwachung meinte er, dass nicht zuletzt das Internet die allgemeinen Lebensumstände im „Global Village“ derart schnell verändert, dass alle verwirrt sind. Durch diese Orientierungslosigkeit werden überall Sündenböcke, Verantwortliche und Ersatzreligionen gesucht und in allgegenwärtigen Verschwörungstheorien gefunden.
Wir saßen da auf der Terrasse oberhalb des Ozeanufers, redeten, rauchten und tranken, und in seinen blauen klaren Augen funkelte eine mir wohl vertraute Bewusstseinsform. Und ich funkelte auch und wir spürten es & er freute sich, mich kennen gelernt zu haben und lud mich ein, jederzeit wieder zu kommen, wenn ich in der Gegend wäre: We can spend some more time together... I really enjoyed our conversation.
Zu meinem Beschämen ließ er es sich nicht nehmen, die Getränke und Parkgebühren zu bezahlen.
Als er in sein Apartment zurückschlurfte, und ich mich auf den langen Weg nach L.A. machte, erfüllten mich Gefühle von Ohnmacht und Wut angesichts der nagenden Macht der Zeit und des Alters. Auch wenn Wilson nach unserer Begegnung noch über sieben Jahre gelebt hat, hat sich sein Zustand in dieser Zeit doch zusehends verschlechtert. Der Großmeister der Illuminaten, der Legende zufolge der Mitverfasser der Principia Discordia, der eifrige Crowley-Adept, der Menschen wie
William S. Burroughs und
Timothy Leary zu seinen engsten Freunden zählte, und dessen erstes Buch
Sex & Drugs so dringend eine erweiterte Neuauflage verdient hätte... der Humor verliess ihn nicht, auch als Geld und Besitztümer dies schon getan hatten, um seine Pflege zu bezahlen und die kleine, sonnenlichtdurchflutete Wohnung lange genug behalten zu können, bis ihr listiger Bewohner für immer die funkelnden blauen Augen schließen würde.
Wenige Tage vor seinem Tod schrieb er im letzten Eintrag seines Blogs:
„Verschiedene medizinische Kapazitäten schwirren hier rein und raus und prophezeien, dass ich zwischen zwei Tagen und zwei Monaten zu leben habe. Ich denke, sie raten. Ich bleibe fröhlich und unbeeindruckt. Ich blicke voraus ohne dogmatischen Optimismus, aber ohne Verdruß. Ich liebe Euch alle und flehe Euch zutiefst an, die Lasagne weiter fliegen zu lassen.
Bitte vergebt meine Leichtfertigkeit; mir ist nicht klar, wie man den Tod ernst nehmen kann. Er scheint absurd.“
Robert Anton Wilson starb eine Woche vor seinem 75. Geburtstag am 11. Januar 2007, dem 101. Geburtstag Albert Hofmanns.
Ewige Blumenkraft, Bob!
(veröffentlicht in BLACK Nr. 46, 2007)